als, wie · das, daß · dediziert, dezidiert · deren, derer · dasselbe, das gleiche · diesen, dieses · durchgeschleift, durchgeschliffen · edieren, editieren · effektiv, effizient · emulieren, simulieren · enteisent · evakuieren · fliehen, flüchten · die ganzen Leute · Gelatine, Galantine · Glühbirne, Glühlampe · grammatisch, grammatikalisch · Häring, Hering · Platzangst, Agoraphobie, Klaustrophobie · Quantensprung · real, reell, realistisch · scheinbar, anscheinend · selbständig, selbstständig · Silizium, Silikon · -tägig, -täglich · umgebrochen, umbrochen · a-, in-, un- · Unkosten · Untiefe · Wort, Worte, Wörter

Wortgebrauch und Verwechslungen

Wörter bedeuten spätestens dann das gleiche (oder dasselbe?), wenn der Unterschied nur noch Korinthenkackern bekannt ist, die scheinbar (oder anscheinend?) die einzigen sind, die ihn in wenigen Worten (oder Wörtern?) erklären können. Die weisen dann andere grundsätzlich (oder ausnahmslos?) auf solche Fehler hin. Aber den meisten ist das zu schwer (oder schwierig?), so dass die Mühe umsonst (oder vergeblich?) aufgewandt ist.

(Helmut Richter, de.etc.sprache.deutsch, 2004-06-05)


dediziert oder dezidiert?

dedizieren heißt jemandem widmen (vgl. engl. dedicate) und ist vom lateinischen dedicare abgeleitet (de+dicare, jemandem etwas zu-sprechen, weihen, widmen; dicare als Intensivierung von dicere, sprechen). Es wird speziell im EDV-Bereich in der Bedeutung ausschließlich für eine bestimmte Aufgabe bestimmen gebraucht: ein dedizierter Datenbank-Server.

dezidiert hingegen heißt entschieden, bestimmt, energisch (vgl. engl. decided): einen Standpunkt dezidiert vertreten. Die ursprüngliche Bedeutung des lateinischen decidere ist abschneiden, was in der Bedeutung eines Einschnitts oder dem Ziehen einer Trennlinie dann den heutigen Sinn erhielt.


deren oder derer?

Zwangsbiometrie? Nein, danke!

deren und derer sind beides Pronomina im Genitiv Singular Femininum und im Genitiv Plural aller Genera.

deren ist zum einen Relativpronomen. Es kann alleinstehend (1) und attributiv (2) gebraucht werden:

  • (1) Sie besprachen die Kriterien, aufgrund deren eine Entscheidung getroffen werden sollte.
  • (2) Dies ist eine Newsgroup, deren Teilnehmer größtenteils lesen und schreiben können.

Im Fall (1) kann deren durch welcher ersetzt werden.

deren ist zum anderen aber auch rückweisendes Demonstrativpronomen:

  • (3) Der Artikel handelt von der Reform und deren Demontage.
  • (3) Die Entscheidungen und deren Grundlagen waren umstritten.

Selten kommt dieses rückweisende Demonstrativpronomen auch alleinstehend vor:

  • (4) Er hatte eine Nachricht geschrieben, aber er erinnerte sich deren nicht mehr.

In (3) und (4) kann deren durch ihr / ihre / ihren / ihrem / ihrer / ihres ersetzt werden, was einen Satz aber mehrdeutig machen kann:

  • Sie lachte über ihre Schwester und deren Mann.
  • Sie lachte über ihre Schwester und ihren Mann.

Nur im ersten Beispielsatz bezieht sich Mann eindeutig auf die direkt voranstehende Schwester.

derer hingegen ist ausschließlich vorausweisendes Demonstrativpronomen:

  • (5) Die Reaktionen derer, die teilnahmen, unterschieden sich.

Es kann durch derjenigen ersetzt werden. derer im Genitiv Singular Femininum wird heute selten verwendet.

Als Demonstrativpronomen ist derer somit vorausweisend und deren rückweisend. Als Relativpronomen, das ja aus dem rückweisenden Demonstrativpronomen entstanden ist, gibt es nur deren.

Soweit die präskriptive Seite. Während die Fälle (2) bis (5) im allgemeinen keine Schwierigkeiten bereiten, wird im Fall (1), dem alleinstehenden Relativpronomen, jedoch oft auch derer verwendet.


derselbe oder der gleiche?

Im allgemeinen ergibt sich aus dem Zusammenhang, welche Identität gemeint ist, so daß eine strenge Unterscheidung zwischen derselbe und der gleiche unnötig ist. Sobald aber Mißverständnisse möglich sind, ist es besser, für die Identität der Gattung der gleiche, für die Identität der Einzelperson und des Einzelgegenstands derselbe zu sagen: Unsere beiden Monteure fahren denselben Wagen (= den einen Firmenwagen). Aber: Unsere beiden Monteure fahren den gleichen Wagen (= Wagen desselben Fabrikats).

(Duden, Band 9)

die gleiche setzt also nur voraus, daß etwas einer anderen Sache gleicht, während dieselbe die Sache selbst bezeichnet, also von Identität ausgeht. Siehe hierzu auch die Bedeutung von selb weiter unten im Abschnitt über selbständig.

Im Falle abstrakter Begriffe geht eine Unterscheidung eher ins Philosophische: Hat man denselben oder den gleichen Gedanken, dieselbe oder die gleiche Idee?


Ende diesen Jahres?

Das Demonstrativpronomen dieses wird — genau wie jenes und der Artikel das — immer stark dekliniert; die Endung im Genitiv Singular ist somit -es, und das Beispiel muß korrekt Ende dieses Jahres (wie des Jahres) lauten.

Die schwache Form mit der Endung -en im Genitiv Singular wird bei Adjektiven vor männlichen und sächlichen Substantiven (Anfang nächsten Monats, Ende letzten/vorigen Jahres) gebraucht. Die früher übliche Deklination mit -es findet sich hier nur noch selten (reines Herzens neben reinen Herzens), weil sich das Sprachgefühl am doppelten S-Laut stört.


durchgeschleift oder durchgeschliffen?

Werden elektrische Signale, etwa einer Schnittstelle, durch eine Erweiterung hindurchgeführt, um den Anschluß zusätzlicher Erweiterungen zu ermöglichen, so spricht man auch vom Durchschleifen eines Busses, was wahrscheinlich von der Strom-/Leiterschleife current/wire loop abgeleitet ist und somit etymologisch weder mit schleifen, schliff, geschliffen (etwas durch Reibung schärfen/formen; jemanden drillen) noch mit schleifen, schleifte, geschleift (etwas schleppend nachziehen; ein Bauwerk abtragen/niederreißen) verwandt wäre.

Da einfache Verbableitungen mit Suffix schwach konjugiert werden (Ausnahme: preisen), lauteten die Partizipformen eines solchen von Schleife (im obigen Sinne) abgeleiteten neuen Verbs durchschleifen folglich schleifte durch und durchgeschleift.

(Der Disput um die »korrekte« Form kann durch die Verwendung von durchführen anstelle von durchschleifen übrigens leicht vermieden werden.)


effektiv oder effizient?

Etwas ist effektiv (wirksam), wenn es einen Effekt erzielt, also etwas bewirkt. Je geringer der Aufwand ist, um diese Wirkung zu erreichen, desto effizienter (wirtschaftlicher) ist das angewandte Verfahren.


emulieren oder simulieren?

Ein Emulator (emulieren über das englische emulate von lat. aemulari wetteifern) bildet einen Vorgang nach außen funktionsgleich nach, oft mit anderen Mitteln als das Vorbild. Beispiele hierfür sind Prozessor- und Betriebssystememulatoren, durch die Programme auf Plattformen ausgeführt werden können, für die sie ursprünglich nicht gedacht waren; der Rechner gibt also vor, ein anderer zu sein.

In einer Simulation (simulieren von lat. simulare nachahmen) wird nur so getan, als ob, etwa im Falle eines Flugsimulators zur Pilotenausbildung. Die Folgen sind also nicht wirklich, und der Simulator ist nicht geeignet, das nachgeahmte Original in mehr als nur Teilaspekten zu ersetzen.

Emulation fand 1986 Eingang in die 19. Auflage des Dudens. In älteren Wörterbüchern findet man auch noch Ämulation und ämulieren.


Was heißt enteisent?

enteisent, ehemals ein Hinweis auf dem Etikett mancher Mineralwässer, ist das Partizip Perfekt zu enteisenen, was einer Sache das Eisen entziehen bedeutet. Warum das Verb nicht enteisen lautet? Ein solches gibt es auch; es bedeutet aber das Eis von etwas entfernen. Die Eigenschaft, Eisen zu entziehen, bezeichnet man wiederum als enteisenend. (Enteist! und Enteisent! sind übrigens auch die Formen des Imperativs Plural von enteisen und enteisenen.) Zu diesen Formen ein paar Beispiele:

Mineralwasseretikett mit Hinweis »enteisent«

Infinitive und Partizipien
   Infinitiv   Perfektpartizip Präsenspartizip
ver-gold-  en ver-gold-  etver-gold-  end
ver-silber- n ver-silber- tver-silber- nd
 ab-kupfer- nabge-kupfer- t ab-kupfer- nd
ent-kalk-  en ent-kalk-   tent-kalk-  end
ent-eis-   en ent-eis-    tent-eis-   end
ent-eisen- en ent-eisen-  tent-eisen- end

Die Verwirrung ist wohl auf die Lautgleichheit des Präsenspartizips ent-eis-end und des Perfektpartizips ent-eisen-t zurückzuführen.

Doch nicht einmal Fachleute sind gegen Verwechslungen gefeit. So fand sich jahrelang folgender Absatz auf einer Web-Seite des deutschen Mineralwasserbrunnens Gerolsteiner:

Das Verfahren wird auf den Etiketten mit dem Zusatz enteisent erläutert und deklariert. Es bedeutet, dass dem Mineralwasser Eisen entzogen wurde. Falsch ist die Annahme, wie viele Verbraucher jedoch vermuten, dass es dem Körper Eisen entzieht. In diesem Fall müsste es sprachlich richtig enteisend heißen.

Im letzten Satz hätte es statt enteisend jedoch vielmehr enteisenend heißen müssen. Korrigiert wurde dies erst, als der Hinweis »enteisent« schon längst nicht mehr auf den Etiketten zu finden war. Hierzu noch einige Beispielsätze, mit Dank an Heinz Lohmann:

  • Ich enteise die Windschutzscheibe.
  • Der Autofahrer hat die Windschutzscheibe enteist.
  • Alkoholmischungen und Salz wirken enteisend.
  • Ich enteisene das Mineralwasser.
  • Der Ingenieur hat das Mineralwasser enteisent.
  • Enteisentes Mineralwasser wirkt nicht enteisenend.
  • Jetzt ist die Scheibe enteist und das Mineralwasser enteisent.

Kommentar von Malte Borcherding:

Bei uns auf dem Baggersee sind ein paar Enten, die durch Umherschwimmen das Wasser vom Vereisen abhalten. Enteisenten eben (nicht zu verwechseln mit enteisenenden Enteisenenten).


Menschen evakuieren?

evakuieren heißt leeren, räumen. So kann man einen Behälter evakuieren (luftleer machen) oder ein Gebäude. Puristen lehnen es jedoch ab, evakuieren auch auf das anzuwenden, wovon ein Raum geleert wird, wenngleich Wörterbücher für evakuieren auch die Bedeutung [Bewohner] aus einem Gebiet aussiedeln verzeichnen.

Kommentar von Malte Borcherding:

Auf der Mir wird schon überlegt, die Besatzung zu evakuieren. Geht im All auch ziemlich einfach.


fliehen oder flüchten?

Flüchten entstand als Ableitung aus Flucht, dessen etymologischer Vorläufer wiederum Abstraktum zur Vorform des Verbs fliehen ist, ähnlich ziehen, Zucht, züchten.

Fliehen kann in gehobener Sprache transitiv im Sinne von ausweichen, meiden, sich einer Sache fernhalten gebraucht werden: Die Menschen fliehen den Lärm der Großstadt.

Flüchten als reflexives Verb heißt sich in Sicherheit bringen: Sie flüchteten sich in die Berge. Auch die übertragene Bedeutung sich einem Problem oder einer Verpflichtung entziehen ist gängig: Sie flüchtete sich in Phantasiewelten.

In all diesen Fällen sind die beiden Verben nicht austauschbar.

Sowohl fliehen als auch flüchten werden jedoch in erster Linie intransitiv gebraucht: Der Gefangene floh/flüchtete [aus dem Gefängnis]. Er flieht/flüchtet [ins Ausland]. In diesen Fällen sind die beiden Verben fast immer austauschbar. Ausnahmen können sich in festen Wendungen oder aus dem Bezug zu anderen Wörtern des Umfeldes ergeben: fliehende Stirn. Der Autofahrer flüchtete nach dem Unfall. (vielleicht zum Wort Fahrerflucht. floh scheint hier eher ungewöhnlich, wenngleich nicht falsch.) Auch kann ein Flüchtling durchaus fliehen: Die Flüchtlinge waren vor den sich nähernden Truppen geflohen.


die ganzen Leute?

Ach, nicht die halben? (Es heißt »all die Leute«.)


Gelatine oder Galantine?

Vorab: Gelantine ist mir in keinem modernen Wörterbuch begegnet. Unter Gallerte wird im Grimm in Spalte 1193 lediglich die Variante gelantina erwähnt.

Beide Wörter gehen auf it./lat. gelare gefrieren, gerinnen (siehe auch it. gelato Eis[krem]) zurück. Verwandt: Gallert[e], Gel, Gelee.

Gelatine, im 19. Jahrhundert über das französische gélatine aus dem italienischen bzw. lateinischen gelatina ins Deutsche gelangt, bezeichnet eine aus tierischen Substanzen (primär Knochen und Knorpel) gewonnene Substanz, die zum Eindicken von Säften verwendet und auch Knochenleim genannt wird.

Galantine, von frz. galantine, bezeichnet eine kalte Pastete in Sülze. Das n soll durch volksetymologische Vermischung mit galant im Sinne von gefällig hinzugekommen sein. Im Englischen ist auch galatine, ohne dieses n, gebräuchlich.


Glühbirne oder Glühlampe?

In der Gemeinsprache wird weitgehend Glühbirne gesagt. In der Fachsprache gilt nur Glühlampe.

(Duden, Band 9)

Auch Leuchtmittel ist fachsprachlich gängig. Das Gerät, in das die (umgangssprachlich nach ihrer klassischen Birnenform) Glühbirne (also fachsprachlich die Lampe) hineingeschraubt wird, nennt man (fachsprachlich) Leuchte — wofür umgangssprachlich wiederum Lampe gebräuchlich ist.

Bei Osram sieht man dies übrigens gelassener. So findet sich in einer Pressemeldung aus dem Jahre 2003 folgender Satz:

Osram hat sich vom klassischen Glühbirnenhersteller zu einem Hightech-Unternehmen der Lichtbranche entwickelt


grammatisch oder grammatikalisch?

Herkunft

Das althochdeutsche Substantiv grammatih wurde im 11. Jahrhundert aus dem lateinischen (ars) grammatica und dem griechischen grammatike (techne) (beides Sprachlehre, Sprachkunst) entlehnt; die heute gängige Form Grammatik ist erstmals im 16. Jahrhundert belegt. Hierzu wurde — ebenfalls im 16. Jahrhundert — das Adjektiv grammatisch gebildet und im 17. Jahrhundert grammatikalisch, letzteres in Anlehnung an das spätlateinische grammaticalis, möglicherweise mit Umweg über das französische grammatical.

Häufigkeit

War laut Grimm grammatikalisch bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts gängiger als das ältere grammatisch, so soll dessen Gebrauch im 19. Jahrhundert stark rückläufig gewesen sein.

Bisweilen erklärten Lexikographen, etwa Adelung, die längere Form gar für veraltet, doch Totgesagte leben — wie dieser Statistik zu entnehmen — bisweilen länger: Hat im Web grammatisch die Oberhand, so ist es in den News genau umgekehrt. Veraltet ist grammatikalisch also mitnichten; vielmehr erfreuen sich beide Formen offenbar bester Gesundheit.

Bedeutung und Differenzierung

Beliebig austauschbar sind grammatisch und grammatikalisch jedoch nicht; vielmehr hat sich seit ihrer Bildung eine feine Differenzierung herausgebildet.

So verzeichnen der sechsbändige Wahrig, der zehnbändige Duden und der Fremdwörterduden für grammatikalisch ausschließlich die Bedeutung die Grammatik betreffend, zu ihr gehörend, auf ihr beruhend, für grammatisch zusätzlich die Bedeutung der Grammatik gemäß, ihren Regeln entsprechend. Konsequenterweise ist in den ersten beiden Werken auch nur ungrammatisch (in der Bedeutung nicht der Sprachlehre gemäß) verzeichnet, nicht jedoch ungrammatikalisch.

Diese Nuancierung läßt sich auch der bereits genannten Suchmaschinenstatistik entnehmen, entspricht das Häufigkeitsverhältnis zwischen ungrammatisch und ungrammatikalisch und ihren jeweiligen flektierten Formen in keiner Weise dem der nichtnegierten Formen zueinander. Der rare Gebrauch von ungrammatikalisch legt nahe, daß auch grammatikalisch in der Bedeutung sprachrichtig nicht gebräuchlich ist.

Grimm

Für die Bedeutung die Grammatik betreffend nennt Grimm für beide Wörter Belege: grammatische und grammatikalische Formen, grammatisches Geschlecht und grammatikalische Fehler. Weitere dort belegte Bedeutungen, etwa buchstabenmäßig, schriftartig, zeichenhaft, wörtlich, buchstäblich (zu grch. gramma Buchstabe, Schrift) sind in keinem modernen Wörterbuch mehr anzutreffen und können wohl als veraltet betrachtet werden. Ausnahme ist die fachsprachlich durchaus noch gebräuchliche »grammatische Auslegung« etwa eines Gesetzes, also dessen wörtliche oder buchstäbliche Deutung in der Rechtslehre.

Die Bedeutung der Sprachlehre gemäß ist im Grimm gar nicht zu finden. Das ist insofern bemerkenswert, als diese Einträge immerhin erst 1957 erschienen — zu einer Zeit also, da andere Wörterbücher diese Bedeutung schon lange verzeichneten.

Deskriptivisten und Präskriptivisten

So findet sich bereits in der 8. Auflage des Dudens (1905) für grammatisch die Bedeutung der Sprachlehre gemäß — und sogar nur diese! grammatikalisch ist dort in der bereits genannten anderen Bedeutung verzeichnet. Auch Daniel Sanders trennt in seinem Wörterbuch der deutschen Sprache (1860) diese beiden Wörter und Bedeutungen streng auf diese Weise.

Viele Diskussionen in de.etc.sprache.deutsch haben gezeigt, daß sich auch heute noch viele aufmerksame Schreiber um diesen differenzierten Sprachgebrauch bemühen, um dem Leser durch möglichst eineindeutige Bezeichnungen das Erfassen eines Textes so leicht wie möglich zu machen — auch wenn diese Trennung natürlich nicht zwingend erforderlich sein mag.

Für diese Schreiber ist ein Ausdruck (ein Satz, eine Wendung) grammatisch (= der Sprachlehre gemäß), wenn er der Grammatik entspricht, er also keinen grammatikalischen (= die Sprachlehre betreffenden) Fehler enthält. Entsprechend ist ein ungrammatischer Satz grammatikalisch falsch. Ein grammatischer Fehler wäre also ein entsprechend der Grammatik geformter Fehler, was immer das sein mag.

Es besteht eine Parallelität zu den Pluralen von Wort: Während Wörter in nur einer Bedeutung üblich ist, wird Worte durchaus in beiden Bedeutungen gebraucht. (Details im Abschnitt über den Plural von Wort.) Doch auch hier gehen manche Sprachnutzer in ihrer Differenzierung über das gängige Maß hinaus, indem sie die Bedeutung von Wörter aus der von Worte ausgliedern. Gleichermaßen begann die Trennung zwischen anscheinend und scheinbar erst im 18. Jahrhundert; komplett vollzogen ist auch sie aber bisher nicht.

Im Englischen existiert mit that und which in Relativsätzen ein ähnliches Paar: Während that unstrittig nur in restrictive relative clauses (ohne Komma) verwendet werden kann, wird die Beschränkung von which auf nonrestrictive relative clauses (mit Komma) zwar von Stilkundlern im Interesse des besseren Verständnisses gefordert, im allgemeinen Sprachgebrauch aber nicht immer beherzigt.

Im Englischen

Für das Englische kehrt sich das Verhältnis zwischen den Adjektiven zu grammar um: So schreibt das OED dem gängigen grammatical beide Bedeutungen zu, dem weitaus seltener gebrauchten grammatic aber nur die Sprachlehre betreffend. Andere zeitgenössische Wörterbücher — so sie grammatic überhaupt noch führen — unterscheiden die beiden Wörter nicht. Dennoch sind auch dem Englischen Diskussionen um »grammatische Fehler« nicht fremd:

It must have been a humorist who in the 19th century attacked the phrase grammatical error in exactly the same way the guardians of the language had attacked many an idiom: »How can an error be grammatical?«

(Merriam-Webster's Dictionary of English Usage)

Eine Erstarkung von grammatikalisch als Anglizismus ist zwar denkbar, doch scheint es noch immer gängige Praxis, grammatical undifferenziert durch grammatisch zu übersetzen, was aber immerhin dazu beigetragen haben mag, die beiden Bedeutungen auch im Deutschen weniger streng zu unterscheiden — ähnlich der durch das englische physical immer stärker verwischten Grenze zwischen physisch und physikalisch.

Fachsprache und andere Mindermeinungen

In der deutschsprachigen linguistischen Literatur hat sich in beiden Bedeutungen grammatisch durchgesetzt — was nicht zuletzt die Arbeit von Übersetzern englischer Fachliteratur vereinfacht. Die längere Form ist dort aber mitnichten untergegangen: So wird grammaticality (grammatikalische Korrektheit; für die Linguisten: grammatische Korrektheit) meist mit Grammatikalität übersetzt und nur selten mit Grammatizität — was zusätzlich im Sinne von grammatikalische Beschaffenheit (für die Linguisten: grammatische Beschaffenheit) gebraucht wird.

Viele allgemeinsprachliche Wörterbücher — so sie überhaupt Bedeutungen angeben — setzen grammatisch und grammatikalisch inhaltlich gleich, was klar dem tatsächlichen Sprachgebrauch zuwiderläuft. Auch im Zweifelsfallduden wird — im Widerspruch zu den beiden anderen genannten Duden-Werken — behauptet, daß beide Wörter »heute« synonym gebraucht werden.

Einige wenige Wörterbücher, etwa das Heyne-Wörterbuch von 1996, vertreten sogar einen zu Duden und Wahrig diametralen Standpunkt: grammatisch bedeute zur Sprachlehre gehörig und grammatikalisch außerdem sprachlich richtig. Auch dies scheint angesichts der vorliegenden Belege wohl eher ein redaktionelles Versehen.

Zusammenfassung

grammatisch in all seinen Bedeutungen bietet sich für den an, der nicht trennen mag oder der den Bannstrahl deutscher Linguisten fürchtet. Wer nicht alle sprachlichen Feinheiten einebnen möchte und es gerne etwas nuancierter hätte, dem sei für die Bedeutung die Grammatik betreffend das Wort grammatikalisch nahegelegt.


Was bedeutet Platzangst?

Man bezeichnet die Furcht vor engen, geschlossenen oder überfüllten Räumen (z. B. Fahrstühlen) als Klaustrophobie (lat. claudere schließen, grch. phobos Furcht), die vor weiten, offenen Plätzen als Agoraphobie (grch. agora Marktplatz).

Fachsprachlich entspricht die Klaustrophobie der Raumangst, die Agoraphobie der Platzangst. Im Alltag ist Raumangst jedoch wenig gebräuchlich, und Platzangst wird primär in der Bedeutung Klaustrophobie verwendet.

Wörterbücher führen für Platzangst beide Bedeutungen auf, mit der genannten Unterscheidung zwischen Fach- und Umgangssprache. Bei Verwechslungsgefahr empfehlen sich die Fremdwörter.

Scherzhaft wird Platzangst auch gebraucht als Furcht vor den Folgen der Völlerei.


Wie groß ist ein Quantensprung?

»Quantum« in der Bedeutung »Menge« ging im 16. Jahrhundert in die deutsche Wissenschaftssprache ein. Es ist die substantivierte Form des lateinischen Pronomens quantus (wie groß, wieviel).

Physik

Der Begriff »Quantensprung« entstand Anfang des 20. Jahrhunderts im Zusammenhang mit dem Bohrschen Atommodell: Hierin werden die Elektronen eines Atoms in einem klassisch-mechanischen Bild als den Kern umkreisende Teilchen veranschaulicht, die nur ganz bestimmte stabile Energieniveaus annehmen können. Ändert ein Elektron sein Niveau, gibt es entweder einen klar definierten Energiebetrag in Form eines Photons (Lichtquants) ab oder nimmt ein solches Energiequantum auf. Mit Hilfe dieses Modells gelang es dem Physiker Niels Bohr im Jahre 1913, die Rydberg-Konstante in der Formel zur Berechnung der Spektrallinien des Wasserstoffs auf bereits bekannte Naturkonstanten zurückzuführen.

Kritik

Ein Quantensprung, so nun die oft geäußerte Kritik, bezeichne in der Physik die kleinstmögliche Änderung eines Energiezustandes. Deshalb sei es unsinnig, wenn weitreichende Änderungen umgangssprachlich ebenfalls »Quantensprung« genannt werden.

Die Kritik geht jedoch auf mehrfache Weise ins Leere, zunächst einmal von Seiten der Physik: Nach aktuellem Wissensstand gibt es keine kleinstmögliche Energiemenge, und Energie ist auch nicht grundsätzlich gequantelt. Lediglich der Energiezustand eines an einen Atomkern gebundenen Elektrons kann sich nur in diskreten Stufen ändern. Auch gibt es im Bohrschen Atommodell nicht nur ein Quantum, sondern es sind viele unterschiedliche Niveauwechsel möglich, nach der Nomenklatur des Modells von jeder »Bahn« zu jeder anderen, nicht nur zwischen benachbarten »Bahnen« und auch nicht nur auf das niedrigste Niveau. Das Quantum kann — beim Wechsel zwischen hinreichend weit außen liegenden »Bahnen« — beliebig klein werden, womit eine »kleinstmögliche Änderung« keinen Sinn ergibt. Der Energieunterschied kann aber auch beliebig groß werden, denn das Modell bezieht sich weder zwingend auf einen bestimmten Kern noch auf Elektronen — wobei man allerdings einschränken muß, daß es nur für die einfachsten Fälle quantitativ richtige Vorhersagen liefert.

Auch sprachlich trifft die Kritik, es liege gar kein »Sprung« im Sinne einer mathematischen Unstetigkeit vor, nicht; denn »Sprung« hat ein weites Bedeutungsfeld und muß nicht einmal einen Ortswechsel implizieren: So spricht man davon, daß eine Ampel von rot auf grün »umspringe« — und dabei findet nun gar keine Bewegung im klassischen Sinne statt. Und letztlich ist es für die Etymologie des Begriffs nicht einmal wichtig, ob Quantensprünge überhaupt »existieren« (was immer das in einer Naturwissenschaft bedeuten mag) oder inwieweit das zugrundeliegende Modell die »Realität« widerspiegelt: Auch heute gehen Funknachrichten umgangssprachlich oft noch »über den Äther«, obwohl die Lehrmeinung schon vor geraumer Zeit zugunsten anderer Modelle auf diese Vorstellung verzichtet hat.

Übergangslose Quantenspringerei

Nun sind die typischen Quantensprünge gemessen an unseren makroskopischen Maßstäben zwar klein; in der ursprünglichen Verwendung des Begriffs ging es jedoch nicht um diesen kleinen Energiebetrag, sondern es kam auf das Übergangslose des Vorgangs an:

Eine Ausstrahlung erfolgt nur in den Augenblicken, in denen das Elektron sprunghaft von einer Bahn (Energiestufe) auf eine andere Bahn übergeht, in der es eine kleinere Energie hat, wenn es also einen Quantensprung ausführt.

(Wilhelm Heinrich Westphal: Physik. Ein Lehrbuch.)

Wörterbücher

Und in der Bedeutung des Plötzlichen ist der übertragene Gebrauch auch in den gängigen Wörterbüchern verzeichnet, so im Merriam-Webster's Collegiate, dort datiert auf 1956:

an abrupt change, sudden increase, or dramatic advance

Im OED ist dieser Gebrauch ab 1955 für übertragenes »quantum jump« belegt und ab 1970 für übertragenes »quantum leap« in der folgenden Bedeutung:

an abrupt transition between one stationary state of a quantized system and another, with the absorption or emission of a quantum; also transf., a sudden large increase or advance; quantum leap, a sudden large advance; cf. quantum jump

Der Wahrig schreibt:

Übergang eines mikrophysikalischen Systems aus einem stationären Energiezustand in einen anderen, wobei Emission od. Absorption eines Quants erfolgt

Der Duden:

(unter Emission od. Absorption von Energie od. Teilchen erfolgender) plötzlicher Übergang eines mikrophysikalischen Systems aus einem Quantenzustand in einen anderen

In neueren Duden-Ausgaben wird dies durch die übertragene Bedeutung ergänzt:

[durch eine neue Idee, Entdeckung, Erfindung, Erkenntnis o. Ä. ermöglichter] Fortschritt, der eine Entwicklung innerhalb kürzester Zeit ein sehr großes Stück voranbringt

Fazit

Der moderne Quantensprung im Sinne eines plötzlichen, revolutionären oder auch großen Schrittes oder Paradigmenwechsels ist also entstanden aus seiner Urbedeutung des nichtkontinuierlichen Übergangs zwischen den diskreten Energieniveaus des nichtfreien Elektrons im Bohrschen Atommodell.

Nicht auszuschließen ist, daß unverstandene Darstellungen von Tunneleffekt, Reduktion des Wellenpakets und Planckschem Wirkungsquantum (das keine Energiemenge darstellt und damit auch kein Energiequantum bezeichnen kann) sowohl in den übertragenen Gebrauch als auch in die Kritik daran hineinspielen.


real, reell und realistisch

real und reell stammen beide vom lateinischen Wort res (Ding, Sache, Gegenstand) ab, wobei reell über das Französische ins Deutsche gelangt ist.

Die Bedeutungen überlappen sich: Beide Wörter werden im Sinne von wirklich, tatsächlich, echt gebraucht.

real — als Gegensatz zu ideal — neigt dabei eher in Richtung des Physischen und Gegenständlichen und wird verwendet, um Dingliches und Stoffliches und damit Verbundenes zu bezeichnen: die reale Welt, ein reales Gas, reale Erfahrungen.

reell wird eher übertragen gebraucht und besitzt die Bedeutungen ehrlich, anständig, redlich, zuverlässig, ordentlich: eine reelle Chance, ein reelles Geschäft.

In der Optik wird nur reell — als Gegensatz zu virtuell — verwendet: ein reelles Bild.

In der Mathematik sind es zwar reelle Zahlen, jedoch spricht man vom Realteil einer komplexen Zahl.

Nicht damit verwandt ist das spanische Wort real (Real Madrid), das vom lateinischen Wort rex (König) abstammt und königlich bedeutet.

realistisch wiederum bedeutet sachlich, nüchtern, wirklichkeitsnah, naturgetreu: eine realistische Haltung, eine realistische Darstellung der Verhältnisse.

Siehe auch den Abschnitt zu den Verneinungsvorsilben.


scheinbar oder anscheinend

anscheinend und scheinbar werden heute oft wie folgt unterschieden:

  • anscheinend bezieht sich auf die äußere Erscheinung, die einen Sachverhalt nahelegt: Er ist anscheinend krank. Er hat Fieber, eine dicke, rote Nase, liegt im Bett, also ist er vermutlich krank.

  • Etwas ist hingegen scheinbar so, wenn Fakten dem Anschein entgegenstehen, wenn etwas zum Schein gemacht wird oder wenn etwas nur so aussieht, als ob: Sie ist scheinbar krank. Sie hat beim Arbeitgeber eine Krankmeldung abgegeben, springt aber in der Disco herum.

Diese Trennung haben sich einige Stilisten übrigens erst im 18. Jahrhundert ausgedacht. Sie wird bis heute nicht von allen Sprechern vollzogen. Speziell im Süden wird »scheinbar« in beiden Bedeutungen gebraucht, so daß die zweite Bedeutung oft durch Hinzufügen von »nur« verdeutlicht wird: Sie ist nur scheinbar krank.

Als verwandtes Verb steht nur scheinen zur Verfügung, in beiden Bedeutungen.


Warum selbständig und nicht selbstständig?

»Weil selbstständig nicht im Duden steht!«

Im Duden steht vieles nicht — kann ja auch gar nicht, denn die deutsche Sprache ist bekanntlich ein offenes System, das beliebig viele Neubildungen zuläßt. Die Aufnahme eines Worts in eines der gängigen Wörterbücher mag ein hinreichendes Kriterium für dessen »Existenz« — oder eher ein Hinweis auf dessen Gebräuchlichkeit — sein, ist aber mitnichten notwendig.

(Mit der 21. Auflage (1996) wurde auch »selbstständig« in den Duden aufgenommen: im Überschwange der Reformgläubigkeit zunächst als Haupteintrag, und das bislang übliche »selbständig« wurde lediglich zu einem Verweis darauf. Anschließend schwang das Pendel jedoch zurück, und seit der 22. Auflage (2000) existieren zwei völlig symmetrische und gleichberechtigte Einträge zu »selbständig« und »selbstständig«, zusammen mit »Selbständige« und »Selbstständige« sowie »Selbständigkeit« und »Selbstständigkeit«.)

»Weil im Duden selbständig steht!«

Die Existenz eines bedeutungsgleichen Worts war noch nie ein zwingendes Argument gegen eine Neuschöpfung. Der Umfang vieler Synonymwörterbücher sollte Beweis genug hierfür sein.

»Wegen des doppelten st

Das scheint bei Selbststudium — seit geraumer Zeit im Duden verzeichnet — noch keinen gestört zu haben.

»selbständig ist von selber abgeleitet!«

Möglich. Und selbstständig eben von selbst.

So flapsig, wie die letzte Antwort erscheinen mag, ist sie gar nicht — wenngleich selbständig wohl eher von selb (siehe unten) denn von selber abgeleitet wurde. Die Frage müßte eher lauten, warum man das erstmals im 15. Jahrhundert belegte Wort mit der Bedeutung für sich bestehend nicht von selbst abgeleitet hat bzw. warum die von selbst abgeleitete Form heute weniger gängig ist, denn wollte man heutzutage ad hoc ein Wort beispielsweise für ohne fremde Hilfe stehend bilden, so nähme man wahrscheinlich eher selbststehend denn selbstehend.

selbst, von mhd. selb(e)s mit unorganischem t, ist ein erstarrter Genitiv Singular, selber ein erstarrter starker Nominativ Singular Maskulinum zu selb. selb, verwandt mit engl. self, kommt heute fast nur noch vor in selbig, der-/die-/dasselbe sowie getrennt bei vorangehender Präposition, die mit einem Artikel verschmolzen ist (zur selben Zeit aus zu derselben Zeit), oder mit Demonstrativpronomen. Formen wie selbander (zu zweit) und selbdritt (er kam selbdritt = selbst als Dritter = mit zwei anderen = sie kamen zu dritt) usw. sind veraltet.

Vor diesem Hintergrund erscheint es nicht ungewöhnlich, daß man sich in älterer Sprache für Zusammensetzungen zunächst der Stammform selb bediente; laut Grimm überwog selbständig zunächst deutlich. Erst später, nachdem selbst über seine ursprünglichen grammatikalischen Grenzen hinaus zur Normalform geworden war, begann man, davon abzuweichen. Heute ist einzig selbst noch produktiv und selbständig das einzige noch gebräuchliche »selb-«-Kompositum. Im Grimm selbst wurde noch 1900 selbstständig verteidigt.

Mit den neuesten Ausgaben ihrer Wörterbücher haben indessen viele Redaktionen auch dem Wort selbstständig ihren Segen gegeben — was nicht heißen muß, daß es künftig weniger verpönt sein wird als bisher. Hat uns die angebliche Rechtschreibreform also ein neues Wort beschert? — Das ginge doch wohl weit über das Mandat der Reformer hinaus. Die Reform ändert nichts an der Schreibweise dieser beiden Wörter: Man schreibt selbständig also auch weiterhin selbständig und selbstständig wie bisher selbstständig, so wie man — mit oder ohne Reform — selber selber und selbst selbst schreibt. Wortwahl und Stil sind keine Angelegenheit der Rechtschreibung, und schon vor der Reform war es legitim, selbst und ständig zu einem Wort zusammenzufügen, das rein zufällig mit dem gebräuchlicheren Wort selbständig bedeutungsgleich war und bei undeutlicher Aussprache mit diesem verwechselt werden konnte. Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich um zwei verschiedene Wörter mit ihrer jeweils eigenen Schreibweise handelt. Sogar im Ickler — alles andere als ein Reformwörterbuch — sind beide Wörter aufgeführt.

Die pragmatische Antwort auf die eingangs gestellte Frage muß also lauten: »Weil man üblicherweise nicht den Eindruck erwecken will, des allgemein akzeptierten Schrifthochdeutschen unkundig zu sein.« Zugegeben, das hat etwas Lemminghaftes.


14tägig oder 14täglich?

Diese Web-Seiten lieber in neuer Rechtschreibung?

14tägig heißt eine Zeitspanne von 14 Tagen dauernd, z. B. ein 14tägiges Seminar.

Ein Ereignis findet hingegen 14täglich statt, wenn es sich alle 14 Tage wiederholt, z. B. eine 14täglich erscheinende Zeitschrift — die im Falle einer Fernsehzeitschrift wiederum ein 14tägiges (also ein 14 Tage umfassendes) Programm enthält.

Nach den Regeln der amtlichen Rechtschreibung schreibt man 14-tägig und 14-täglich — mit Bindestrich.

Diese Regeln gelten entsprechend für Zusammensetzungen mit wöchentlich, monatlich und jährlich.

Weitere Informationen zur Schreibweise von Zusammensetzungen mit -jährig.


umgebrochen oder umbrochen?

Anders als in der Alltagssprache wird umbrechen im Schriftsetzerjargon als untrennbares Verb gebraucht. Man sagt dort also: Der Text wurde umbrochen, nicht umgebrochen. Außerdem wird dort umbrechen auf der zweiten Silbe betont, nicht auf der ersten.

In der 9. Auflage des Dudens (1915) — pikanterweise die, die den Buchdrucker-Duden integrierte — findet sich hierzu folgende Fußnote:

Es wäre zu wünschen, daß sich die Buchdrucker in diesem und in vielen ähnlichen Ausdrücken (z. B. umstellen) dem allgemeinen Gebrauche fügten. Dieser verlangt: er bricht, stellt den Satz um; der Satz wird umgebrochen, umgestellt; der Satz ist umzubrechen, umzustellen usw.

Kommentar von Wolf Busch: »Das war ein frommer Wunsch.« Die Fußnote entfällt bereits mit der 10. Auflage von 1929.


Verneinung: a-, in- oder un-?

Wie un- dienen die Vorsilben a- und in- der Negation (Verneinung), bedeuten also nicht oder ohne.

  • a- ist griechischer Herkunft und wird in erster Linie vor ebensolchen Fremdwörtern verwendet: achromatisch, agnostisch, amorph, Apathie, aseptisch, asynchron, Atheist, Atom. Seltener steht a- auch vor lateinischen Fremdwörtern: akausal, asozial. Vor Vokalen wird a- zu an-: anorganisch.

  • in- ist das lateinische Äquivalent und steht vor Fremdwörtern, die dem Lateinischen entlehnt wurden, auch mit Umweg über dessen Abkömmlinge, speziell das Französische: inaktiv, inakzeptabel, inpraktikabel, intolerant, intransparent. Vor l und r sowie vor b, m und p verschmilzt in- zu il-, zu ir- beziehungsweise zu im-: illegitim, illoyal, irrational, irreal, imbezil, immobil, imperfekt.

  • un- wiederum ist die übliche einheimische Verneinungsvorsilbe: Unding, ungeschickt, unmöglich, unsicher, unwohl. Siehe hierzu auch die Abschnitte zu Unkosten und Untiefe.

    Vor gängigen Fremdwörtern kann un- außerdem a- und in- ersetzen: Unmoral, unpopulär, unrationell. Beeinflußt wird dies auch von als typisch deutsch empfundenen Endungen wie -isch, -ig, -ich und -lich: unlogisch (neben selten alogisch), unpolitisch (neben seltener apolitisch), unpraktisch, unrealistisch, unsymmetrisch (seltener neben asymmetrisch), unsympathisch. Manchmal ergeben sich unterschiedliche Konnotationen: asozial, unsozial.


Was sind Unkosten?

Un- ist eine Verneinungsvorsilbe; somit sind Unkosten das Gegenteil von Kosten, also eine Art Ertrag oder Gewinn. Richtig?

Nein, das wäre zu kurz gegriffen. Wie man dem Abschnitt über die Untiefe entnehmen kann, erfüllt die Vorsilbe un- mehr als nur diese ursprüngliche Funktion der Verneinung. Das Grimmsche Wörterbuch nennt drei weitere:

  • mißbilligend: Unart, Unfall, Unkraut, Unmensch, Unsitte. Die Vorsilbe wird verwendet, um jemanden oder etwas abzuwerten oder die Entartung auszudrücken.

  • als Füllsel; un- oder nicht macht keinen Unterschied, speziell bei doppelter Verneinung: nicht unübel (= nicht übel), unzweifellos (= zweifellos). Siehe auch bevor nicht (= bevor, solange nicht). Die doppelte Verneinung ist ebenfalls in süddeutschen Dialekten gängig, siehe den Atlas zur deutschen Alltagssprache.

  • verstärkend: Unmasse, Unmenge, Unzahl.

Für Unkosten ist der Gebrauch bis in die Gegenwart nur in ebendiesen drei Bedeutungen belegt:

  • schlimme, unangenehme, unvorhergesehene oder vermeidbare Kosten; auch: was zu den Aufwendungen im engeren Sinne noch hinzukommt, Spesen.

  • identisch zu Kosten.

  • große Kosten; siehe die Wendung sich in Unkosten stürzen.

Unkosten als Nicht-Kosten war und ist nicht gängig.

Unkosten wird seit dem 14. Jahrhundert gebraucht, zunächst primär in Singularformen wie Unkost, seit dem 18. Jahrhundert dann verstärkt im heute gängigen Plural. Entsprechend finden sich die Unkosten in den genannten Bedeutungen in allen gängigen Wörterbüchern, einschließlich Duden (Ost wie West; seit der ersten Auflage), Wahrig und ÖWB.

Betriebswirtschaftler erkennt man oft daran, daß sie — der drei weiteren Bedeutungen der Vorsilbe un- offenbar nicht gewahr — auf das angebliche Unwort Unkosten auch außerhalb ihrer Fachsprache unangemessen unwirsch reagieren — wie Schriftsetzer auf umgebrochen, Ballonfahrer auf fliegen, Zeitschriftenredakteure auf letzt im Sinne von vorig, Usenet-Sheriffs auf den Oberbegriff Forum für Newsgroups und ein gewisser de.etc.sprache.deutsch-Linguist auf grammatikalisch.


Was ist eine Untiefe?

Untiefe kann sowohl eine große Tiefe als auch eine seichte (flache) Stelle (speziell in einem Gewässer) bezeichnen. Wahrscheinlich hing die Verwendung ursprünglich vom Umfeld ab: Für einen Seefahrer gibt es wenig Grund, außergewöhnlich tiefe Stellen eigens auszuzeichnen, da diese keinen Einfluß auf das Funktionieren des Schiffs haben; seichte Stellen hingegen bergen die Gefahr des Auflaufens. Die Vorsilbe Un- fungiert hier also als Verneinungsvorsilbe, ihre ältere Bedeutung. Für den Landbewohner hingegen dient das Un- in Untiefe der Verstärkung (wie beispielsweise auch in Unmenge), da für ihn von besonders großer Tiefe eine besonders große Gefahr ausgeht; seichte Stellen an Land finden meist weniger Beachtung.


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