Schüler · Kosten · Wichtigeres · Undemokratisch · Zu spät! · Weniger Regeln · 1901 veraltet · 5000 neue Wörter · Einheitlichkeit · Alles umsonst? Aus nicht mehr gar so aktuellem Anlaß: Reform und Kritik
(Theodor Steche: Die deutsche Rechtschreibung — Stillstand oder Verbesserung?, 1931) Die inhaltlichen Schwächen der Reform sind bereits vor Jahren zur Genüge aufgezeigt worden; sie sollen nicht Thema dieser Seite sein. Jedoch sind in der jüngsten Debatte um die Rücknahme seit August 2004 wiederholt Behauptungen aufgestellt worden, die nicht unkommentiert bleiben sollten. SchülerDie Schüler würden verwirrt. Von wegen: Schüler begreifen sehr schnell, daß Rechtschreibung kein Naturgesetz ist, sondern menschengemacht, historisch gewachsen und stellenweise leider auch willkürlich — neu wie alt. Es mag natürlich gut sein, daß manchem Lehrer, Bürokraten oder Politiker solche aufrührerischen Einsichten nicht schmecken. Andererseits unterliegen Sprache und Rechtschreibung nur begrenzt der Regelung durch den Staat, und die Schule muß ihren Unterricht an der Realität messen lassen. Es käme ja auch niemand auf die Idee, die Quantenmechanik abschaffen zu wollen, nur weil es kompliziert ist, diese zu vermitteln. Geht es vielleicht gar nicht darum, den Schülern das Lernen zu erleichtern, sondern den Lehrern das Lehren? Soll das Schreiben auf Kosten der Leser vereinfacht werden? Aber trotz allen Unterschieden zwischen Amtsrechtschreibung und tatsächlichem Gebrauch: Zu mehr als einem Stirnrunzeln — wenn überhaupt — hat die FAZ-Marotte Albtraum schon vor der Reform wohl bei keinem Schüler geführt (damals noch korrekt Alptraum); und es macht kaum einen Unterschied, ob man erklären muß, warum man in klassischer Orthographie Risse, aber Riß schreibt oder warum reformiert Riss, aber reißen. Da sind die Werke Goethes und Schillers — noch immer allgemeiner Schulstoff — von der heutigen Sprach- und Rechtschreibwirklichkeit und den Problemen des modernen Alltags deutlich weiter entfernt. KostenDie Kosten einer Rücknahme seien zu hoch. Komisch, daß bei der Einführung der Reform dieses Argument mit der Begründung vom Tisch gewischt wurde, Schulbücher würden ohnehin kontinuierlich ausgetauscht, und die Schüler könnten geänderte Schreibweisen ja von Hand in den Büchern korrigieren. Warum nicht auch jetzt? WichtigeresWir hätten wichtigere Sorgen, als die Reform zurückzunehmen. Hatten wir 1996 nichts Wichtigeres zu tun, als sie überhaupt erst einzuführen? UndemokratischSpringer, Spiegel, FAZ und Süddeutsche sabotierten eine demokratische Entscheidung. Wie war das denn noch mit dem Schleswig-Holsteiner Volksentscheid gegen die Reform im Jahre 1998, der gerade einmal ein Jahr später einstimmig vom dortigen Landtag einfach gekippt wurde? Die Reform ist ganz im Gegenteil ein Paradebeispiel dafür, wie eine kleine änderungswütige Gruppe ihr Steckenpferd einer Allgemeinheit aufdrücken will, die kaum einen Bedarf dafür sieht. Wurden früher tatsächliche Sprachentwicklungen von den Wörterbuchredaktionen aufgegriffen und dokumentiert, so wollten die Reformer kontinuierlich korrigierend an der Sprache herumdoktern. Dabei wurde immer beschwichtigt, daß die amtlichen Regeln ja nur für Schulen und Behörden maßgebend seien und sonst jeder so schreiben dürfe, wie er wolle. Aber kaum machen einige Verlage von diesem Recht Gebrauch, will man sich die Grenzen seiner Zuständigkeit plötzlich doch nicht mehr vorführen lassen. Zu spät!Die Kritik an der Reform komme zu spät; man hätte sich früher äußern müssen. Jetzt könne man nichts mehr rückgängig machen. Die Reform wird seit ihren Anfängen von unüberhörbarer Kritik begleitet: Das beginnt schon 1988 mit dem keiser, der in seinem bot al isst, als der erste Reformentwurf an die Öffentlichkeit gelangt. 1995 muß dann sogar eine ganze Duden-Auflage eingestampft werden, als einigen Politikern Fede, Frefel, Packet, Restorant, Zigarrette und die Nicht-mehr-Großschreibung des heiligen Vaters inakzeptabel erscheinen; andere Kritik ignoriert man. Als 1996 die Reform mit einigen kosmetischen Änderungen abgenickt wird, formieren sich Schriftsteller und Volk in Gegenerklärungen, Unterschriftensammlungen, Petitionen und Klagen. Die Kritik erreicht einen neuen Höhepunkt, als 2000 die FAZ wieder zur früheren Rechtschreibung zurückkehrt. Das Usenet-Sprachforum de.etc.sprache.deutsch zeugt seit seiner Gründung 1994 von kontinuierlicher Kritik an den Vorschlägen der Reformer. Zu jedem Zeitpunkt hieß es, die Kritik komme zu spät. Wann wär's denn genehm gewesen? Weniger RegelnDie Zahl der Regeln sei halbiert worden. Klar, aber dafür wurde jede Regel mit umso längeren Unterpunkten und Ausnahmen versehen. Wenn doch alles so viel einfacher geworden ist, warum ist die reformierte Fassung des Zweifelsfalldudens (Richtiges und gutes Deutsch) nicht dünner geworden? Und nahmen in der 20. Auflage des Rechtschreibdudens von 1991 die Regeln noch 48 Druckseiten ein, so waren es in der 22. Auflage aus dem Jahre 2000 schon 68 Seiten — allerdings großzügiger gesetzt. Daß man Regeln auch kompakter und verständlicher formulieren kann, ohne gleich alles über den Haufen zu werfen, zeigte beispielsweise Theodor Ickler in seinem Rechtschreibwörterbuch. Sowohl die Kurzfassung seiner Regeln als auch deren Langfassung sind im Web verfügbar. 1901 veraltetDie Regeln von 1901 seien überholt. Das stimmt, und zu denen will auch keiner ernsthaft zurückkehren, denn seit 1901 hat sich — nicht erst seit der Reform 1996 — viel getan, zumal auf der Konferenz von 1901 vieles gar nicht geregelt worden war. Wußten Sie, daß nach den Regeln von 1901 noch freigestellt war, ob man Schiffahrt oder Schifffahrt schreibt? 5000 neue WörterMan könne nicht zum Vor-Reform-Duden von 1991 zurück; es habe alleine zur 22. Auflage 5000 Änderungen gegeben. In der Tat wurde die 22. Auflage mit 120000 Stichwörtern beworben, 5000 mehr als noch auf den Umschlägen der 20. und 21. Auflage angegeben waren. Hier einige Beispiele für Neuzugänge: Altersteilzeit, aufbrezeln, Bannerwerbung, Benutzeroberfläche, Bildschirmschoner, Bimbes, Chat, Doktormutter, doppelklicken, downloaden, einloggen, Euroland, Firewall, Freisprecheinrichtung, herunterladen, Homepage, Jahr-2000-fähig, Makro, Maschendrahtzaun, Moorhuhnjagd, Potenzpille, Provider, rechtspopulistisch, reinklicken, Suchmaschine, Token, verlinken, WAP-Handy, Warmduscher, Waschbrettbauch. Die Erklärungen zu diesen Wörtern mögen hilfreich sein, ebenso die Aussprache oder das Genus von Fremdwörtern. Doch für die Rechtschreibung ist die weit überwiegende Masse solcher Neueintragungen völlig ohne Belang, da über Schreibung und Trennung gar keine Zweifel bestehen — weder nach alten noch nach neuen Regeln. Viele weitere Ergänzungen beziehen sich lediglich auf neue Bedeutungen bekannter Wörter, wie Portal oder surfen — ebenfalls ohne jede Relevanz für die Orthographie. Politikergefasel steht nicht im Duden, und trotzdem kann's jeder schreiben. EinheitlichkeitDie Einheitlichkeit der Rechtschreibung speziell auch mit den anderen deutschsprachigen Staaten sei gefährdet. Erst diese handwerklich schlecht gemachte Reform, ihre vielen, vielen mehr oder minder heimlichen Nachbesserungen seit 1996 und die uneinheitliche Auslegung der angeblich klareren neuen Regeln durch verschiedene Wörterbuchredaktionen haben doch zu den Verlagsorthographien geführt, und die neuen Kommaregeln werden ohnehin allgemein ignoriert. Außerdem hat eine völlige Übereinstimmung noch nie wirklich bestanden. So war sodaß schon vor der Reform in Österreich gängig (bundesdeutsch: so daß); ebenso schrieb man dort beispielsweise die Geschoße (statt Geschosse) wegen des dort lang gesprochenen o. Und der generelle Ersatz des Eszett durch Doppel-s in der Schweiz ist auch nicht gerade das größte Hindernis in der Kommunikation mit den Schweizern. Alles umsonst?Also alles umsonst? Außer Spesen nichts gewesen? Ganz im Gegenteil. Wir haben in den vergangenen Jahren mehr über die deutsche Sprache und ihre Orthographie gelernt als je zuvor:
Balletttheater, Delfin, Rad fahren und stattdessen stachen zwar schon vor 1996 kaum jemandem mehr als fehlerhaft ins Auge, aber vielleicht brauchten wir erst diese gescheiterte Reform, um etwas entspannter auf die überregulierten Spitzfindigkeiten der bisherigen Rechtschreibung zu schauen. Eines brauchen wir aber definitiv nicht: neue Ungereimtheiten, die die alten ersetzen. Adresse dieser Seite: http://faql.de/reform.html | |
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