Duden und Maßgeblichkeit · Rechtschreibreform · achtziger Jahre, Achtzigerjahre · Bändel, Bendel · Du, Ihr, Sie · Genitiv und Apostroph · -jährig · Häring, Hering · lizenzieren · Standard · Doppel-s oder Eszett? · Einfach-s oder Doppel-s/Eszett? · das oder daß · tschüs, tschüss oder tschüß · Drei gleiche Buchstaben in Folge · Eindeutschende Schreibweisen Rechtschreibung (Orthographie)Duden und MaßgeblichkeitWie begründete sich vor der Rechtschreibreform (also bis zur 20. Auflage) der Anspruch des (West-)Dudens, »maßgebend in allen Zweifelsfällen« zu sein? Ein Beschluß der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder erklärte die während der 2. Orthographischen Konferenz von 1901 in Berlin festgelegten Schreibweisen und Regeln zur Grundlage für den Unterricht in allen Schulen (siehe Bundesanzeiger vom 1955-12-15). Für das, was davon nicht abgedeckt wurde, sollten die Schreibweisen und Regeln des Dudens verbindlich sein.
Mit diesem — wohl überzogenen — Schritt reagierten die Kultusminister auf das im Jahr zuvor erschienene Rechtschreibwörterbuch Lutz Mackensens, das sich großer Beliebtheit erfreute. Es wich in einigen Punkten jedoch von der orthodoxen Interpretation der Regeln von 1901 durch die Duden-Redaktion ab, was von nicht ganz unparteiischen Kreisen zum willkommenen Anlaß genommen wurde, Verunsicherung, Anarchie und Chaos in der Rechtschreibung zu prophezeien. Mackensen nahm diesen Kritikern den Wind aus den Segeln, indem er in seiner Neubearbeitung von 1957 alle Unterschiede zur Schulschreibung ausdrücklich kennzeichnete. Dies wiederum konterte die Duden-Redaktion 1961 mit dem Umschlagtext »Seit Jahrzehnten betreut von der Dudenredaktion, die die amtliche Rechtschreibung gewährleistet.«, der mit der 16. Auflage 1967 zum bekannten »Maßgebend in allen Zweifelsfällen« wurde. Immerhin sah sich die Duden-Redaktion für diese beiden Auflagen genötigt, ihre Änderungen zu früheren Auflagen ausdrücklich auf jeweils drei Seiten zu dokumentieren — ein beispielloses und niemals wiederholtes Ereignis in der Geschichte des De-facto-Monopolisten. Wer im Usenet eine vergleichbare Panikmache vor Pluralität erleben möchte, dem sei die de.admin-Subhierarchie empfohlen.
(Der Große Duden, 1929) RechtschreibreformInformationen zur Rechtschreibreform sind unter folgenden Adressen zu bekommen:
… sowie in jeder Buchhandlung. Falls Ihnen die neuen Regeln mehr zusagen als die traditionellen, können Sie außerdem Ihren Browser passend einstellen, um diese Web-Seiten — und möglicherweise auch andere — in reformierter Amtsschreibung zu erhalten. Staatlich verordnete Änderungen an der Rechtschreibung kamen übrigens auch nach der Orthographievereinheitlichung von 1901 noch vor, wie das folgende Zitat aus dem Duden von 1929 belegt:
Die Begeisterung über solche Eingriffe hielt sich jedoch schon damals in engen Grenzen:
(Theodor Steche: Die deutsche Rechtschreibung — Stillstand oder Verbesserung?, 1931) achtziger Jahre oder Achtzigerjahre?Im Ost-Duden heißt es hierzu: »Zahladjektive auf -er werden in der Regel vom folgenden Substantiv getrennt. Sie werden aber mit diesem zusammengeschrieben, wenn das ganze ein Begriff geworden ist.« Über 10er-Packung, 12er-Reihen und 48er Revolution (Revolution von 1848) schien man sich vor der Rechtschreibreform zwar in Ost und West einig; der West-Duden verzeichnete jedoch 48er Raster (Raster mit 48 Linien je cm), während man im Ost-Duden 61er-Bildröhre (Bildröhre mit einer Diagonalen von 61 cm) finden konnte. In einer Broschüre des BI zur Reform liest man nunmehr 68er-Generation und 15er-Schlüssel. Bei Jahresangaben ist die folgende Konvention üblich: Die Jahre '80 bis '89 eines Jahrhunderts sind die achtziger Jahre (80er Jahre; Musik aus den 80er Jahren/aus den 80ern), die Lebensjahre eines Menschen von 80 bis 89 dessen Achtzigerjahre (80er-Jahre; Er muß in den späten Achtzigerjahren/Achtzigern sein.). § 37 (1) der Reform und ebenso bereits 1989 die Leipziger Duden-Redaktion im Wörterbuch der Sprachschwierigkeiten (Seite 95) lassen die Schreibweise Achtzigerjahre (und damit auch 80er-Jahre) in beiden Fällen zu. Bändel oder Bendel?Die Rechtschreibreformer haben sich auf die Schreibweise Bändel festgelegt. Aus Zeiten vor der Reform ist das Bändel belegt im Knaur, im Wahrig und im Ost-Duden, der zusätzlich der Bändel verzeichnet. der/das Bendel findet sich nur in älteren Ausgaben des Ost-Dudens und im (West-)Duden; der Bändel wird von letzterem als schweizerisch etikettiert. Über die Schreibweise anbändeln (Variation von anbandeln) besteht Einigkeit. Ickler führt sowohl der Bändel als auch der/das Bendel. Groß-/Kleinschreibung von Du, Ihr und SieDas gegenüber vertrauten Personen verwendete Anredepronomen du wird in Briefen und bei direkter Ansprache — Mail und News werden dem meist gleichgesetzt — groß geschrieben, nicht jedoch in der Wiedergabe von Reden und Dialogen (außer natürlich am Satzanfang). Dasselbe gilt für ihr als Personalpronomen der 2. Person Plural und für die zugehörigen flektierten Formen: dir, dich, dein, deine, deinem, deinen, deiner, deines, deinige, deinesteils, deinetwegen usw.; euch, euer, eu[e]re, eu[e]rem, eu[e]ren, eu[e]rer, eu[e]res, eu[e]rige, euers-/euresgleichen, euert-/euretwillen usw. Mit der Rechtschreibreform sollten diese Fürwörter ursprünglich immer klein geschrieben werden; laut den amtlichen Regeln in der Revision vom Februar 2006 dürfen »du und ihr mit ihren Possessivpronomen« jedoch »in Briefen« nun auch wieder groß geschrieben werden. Bizarrerweise widerspricht sich das Reformwerk an dieser Stelle selbst, da es der Regel sogleich das Beispiel »dir/Dir« folgen läßt — was kein Possessivpronomen ist. Quellen: Prä-Reform-Duden: R 71; Reform-Duden: R 52 bzw. K 83; amtliche Regelung: § 66. Immer groß geschrieben — vor und nach der Rechtschreibreform — werden die Höflichkeitsform Sie, das veraltete Ihr (volkstümlich, Pluralis majestatis), die ebenfalls veraltete Anrede in dritter Person Singular, Pronomina, die als Teil eines Titels gebraucht werden (Seine/Eure Exzellenz), sowie die davon abgeleiteten Formen: Ihnen, Ihr, Ihre, Ihrem, Ihrer, Ihres, Ihrerseits, Ihrethalben usw. (Ihrzen und Erzen kommen in der Schweiz noch vor.) Anders als Dich und Euch (siehe oben) wird das Reflexivpronomen sich niemals groß geschrieben! (Prä-Reform-Duden: R 72; Reform-Duden: R 53 bzw. K 84; amtliche Regelung: § 65.)
(Duden, 1919) Häring oder Hering?Schon im Althochdeutschen sind die Formen haring und hering, im Mittelhochdeutschen hærinc und herinc belegt. In aktuellen Wörterbüchern ist Hering die klar bevorzugte Schreibweise, ohne Unterscheidung zwischen Fisch und Zeltpflock; letzterer ist wahrscheinlich aufgrund seiner Form nach dem Fisch benannt (belegt seit dem Ende des 19. Jahrhunderts). Häring war noch im ersten Duden (1880) verzeichnet, verwies aber schon dort auf Hering. Auch der sechsbändige Wahrig (1981) kennt Häring noch, bezeichnet die Form aber als veraltet und verweist gleichfalls auf Hering. Mackensen trennt — wie manche Schreiber noch heute — als einziger in frühen Auflagen zwischen Häring (Zeltpflock) und Hering (Fisch), schließt sich später jedoch dem Trend an und verweist unter Häring nur noch auf Hering. Einen weiteren Abweichler entdeckte Wolf Busch: So verweist Meyers kleines Lexikon (BI Leipzig, 1968) von Häring auf Hering. Harung (»In einen Harung jung und schlank …«) war nur im Grimm (1872) aufzufinden, wird dort aber als »neuerdings in komischer rede aufgekommen alterthümelnd« bezeichnet. Zusammensetzungen mit jährigDiese Web-Seiten lieber in neuer Rechtschreibung? 20jährig oder 20-jährig, die 30jährigen oder die 30-Jährigen?Wird eine Zahlenangabe in einem zusammengesetzten Wort in Ziffern geschrieben, so orientiert sich die traditionelle Rechtschreibung an der in Buchstaben geschriebenen Form und verzichtet auf den Bindestrich: vierzigjährig, also 40jährige Dauer; Fünfzigjährige, also die Generation der 50jährigen. Das amtliche Reformregelwerk führt hier zur Erhöhung der Übersichtlichkeit einen Bindestrich ein: 40-jährige Dauer, die Generation der 50-Jährigen. Dies gilt auch für andere Zusammensetzungen dieser Art: 10-bändig, 2-seitig (klassisch: 10bändig, 2seitig). Vorteil der Reformschreibweise speziell bei Fügungen mit -jährig ist die direkte Unterscheidbarkeit zwischen Adjektiv und Substantivierung durch Klein- und Großschreibung. Ausgenommen von dieser Bindestrichregel sind Suffixe: die 68er, 100stel. Bei fach besteht Wahlfreiheit: 3fach oder 3-fach (klassisch: nur 3fach). Über-60jährige, Über-60-Jährige, über 60jährige oder über 60-Jährige?Für die Wörterbuchredaktionen scheint die Antwort auf diese Frage auf der Hand zu liegen: Sie propagieren allesamt die Getrenntschreibung: die unter 80jährigen (klassische Rechtschreibung) beziehungsweise die unter 80-Jährigen (reformierte Amtsschreibung). Als Begründung hierfür führt der Zweifelsfallduden an, daß es sich bei über hier um ein Adverb handele (wie auch bei unter in vergleichbaren Zusammensetzungen) und daß man beim Zusammentreffen von (substantivierten) Adjektiven mit anderen Adverbien diese ebenfalls getrennt schreibe:
(zitiert nach der dritten Auflage von 1985) Dieses Argument kann nicht restlos überzeugen, da in anderen Fällen dieselben Wörterbücher ähnliche Fügungen übereinstimmend in einem Wort schreiben: übertariflich, unterdurchschnittlich, überglücklich. Die Bezahlung war untertariflich. Aber: Der Teilnehmer war unter zwanzigjährig. (Bei den Wendungen über Tarif und unter Durchschnitt handelt es sich jedoch wohl um Präpositionen mit Dativ.) Ebenso unstrittig sind allerdings Fälle der Getrenntschreibung wie das kaum Sichtbare, schon/ungefähr vierzigjährig. Nach traditioneller Rechtschreibung kann zumindest ein Muttersprachler die oft hilfreiche Betonungsregel anwenden: Betonung auf dem ersten Teil der Fügung: Zusammenschreibung (untertariflich, da Betonung auf unter). Betonung auf dem zweitem Teil: Getrenntschreibung (über dreißigjährig, da Betonung auf dreißig). Aus den Regeln der reformierten Amtsschreibung ergibt sich keine gute Begründung, warum es zwingend über 30-jährig, aber übertariflich heißen muß: Regel 1.1 (Paraphrasierbarkeit) trifft nicht zu, Regel 1.2 ebenfalls nicht, da alle Komponenten besagter Fügungen auch selbständig vorkommen. Regel 1.3 scheidet aus, da es sich nicht um Partizipien handelt, Regel 1.4 (gleichrangige Adjektive) ebenso, da es sich bei über und unter um Adverbien handelt, gleichfalls Regel 1.6 (Kardinalzahlen). Regel 2.1 ist eine Kann-Regel, die beide Möglichkeiten erlaubt, was aber für die besagten Beispiele nicht zutrifft. Regel 2.2 bezieht sich auf Adjektive als erstem Bestandteil, Regel 2.3 auf nicht. Als letzte Möglichkeit verbliebe Regel 1.5, die aber ausschließlich Zusammenschreibung zuläßt, was der propagierten Schreibung über achtzehnjährig (mehr als achtzehn Jahre alt) widerspräche und eher auf Zusammensetzungen wie überglücklich (sehr glücklich, nicht mehr als glücklich) anwendbar scheint:
(§ 36 des amtlichen Regelwerks, zitiert nach der Fassung vom Februar 2006) Möglicherweise muß auf die Gradadverbien über und unter Regel 2.2 angewandt werden — entgegen dem Wortlaut der Regel, der sie eigentlich nur für unflektierte Adjektive als graduierende Bestimmung als ersten Teil der Fügung vorsieht:
Entschiede man nach dem Akzent, so schriebe man beispielsweise bei einer Gegenüberstellung (mit Betonung auf dem ersten Bestandteil) zusammen: Die Untersechzigjährigen einerseits, die Übersechzigjährigen andererseits, sonst getrennt, auch nach den Regeln der Rechtschreibreform. Diese Beispiele zeigen, daß die Trennlinie zwischen der Getrenntschreibung über sechzigjährig und der Zusammenschreibung übertariflich nicht gar so scharf verläuft, wie einem das manche Wörterbuchredaktion weismachen will. Auch Diskussionen hierzu in de.etc.sprache.deutsch zeigen, daß so mancher Muttersprachler eher bei der Getrenntschreibung die unter 30jährigen gestutzt hätte als bei der angeblich regelwidrigen Schreibweise die Unter-30jährigen. Siehe auch achtziger Jahre oder Achtzigerjahre. lizensieren?lizenzieren (zwei z, kein s!) heißt eine Lizenz erteilen (lat. licentia Erlaubnis, licere erlaubt sein) und steht nicht mit zensieren (lat. censura (Vermögens-)Einschätzung, Sittenkontrolle, censere schätzen, bewerten) in Verbindung. Zum Ausgleich des durch lizensieren verursachten z-Defizits sieht man im de-Usenet in jüngster Zeit vermehrt Konsenz statt Konsens. Nicht ganz so eindeutig ist es im Englischen — was vielleicht auch die deutsche Fehlschreibweise erklärt: Hier sind sowohl licence (mit c) als auch license (mit s) sowohl für Substantiv als auch für Verb gängig, jedoch führt das OED dazu aus, daß es im Falle des Substantivs keine Rechtfertigung für die Schreibweise mit s gebe; siehe die Beschreibung der Situation im Deutschen oben. Im Falle des Verbs sei — neben der als unstrittig bezeichneten Schreibweise licence — die Schreibweise mit s auf Analogiebildung zu anderen Paaren wie advice, practice (Substantive) und advise, practise (Verben) zurückzuführen und damit rechtfertigbar. Wörterbücher tendieren dazu, licence als bevorzugt britisch und license als amerikanisch zu bezeichnen, doch diese klassische Differenzierung scheint stark zu verwischen; ein Vergleich von Google-Suchergebnissen ergab im August 2004 nur noch jeweils rund 10 Prozent Vorsprung für the license auf primär amerikanischen Web-Sites und für the licence auf britischen. Beim Verb waren Unterschiede in den USA kaum feststellbar, während in Großbritannien to licence noch 20 Prozent vor to license lag. Was stimmt an der Standart nicht?Es heißt die Standarte.
(Andreas Stiller: c't, August 1996) Standard geht übrigens tatsächlich auf Standarte (bzw. das altfranzösische estandard, estandart) zurück, wobei die Herkunft der Bedeutung Norm vom Oxford English Dictionary als »somewhat obscure« bezeichnet wird. Im Englischen wurde Standard in seiner heutigen Bedeutung ursprünglich nur in der Form des Königs Standard gebraucht: Im Namen/Zeichen des Königs festgelegte Normen wurden als maßgebend betrachtet. Andererseits ist ein Standard auch eine Art Sammelpunkt, um den man sich schart — ähnlich der Standarte, die eigentlich den Sammelplatz der Soldaten bezeichnet. Im Grimmschen Wörterbuch wird hierzu unter Standarte (!) bemerkt:
Eszett oder ss?Diese Web-Seiten lieber in neuer Rechtschreibung? Wann schreibt man Doppel-s, wann Eszett? Hier einige Entscheidungshilfen: Vor der RechtschreibreformIn klassischer Rechtschreibung läßt sich die Entscheidung, ob man ss oder Eszett schreibt, auf die Trennregeln zurückführen: Man schreibt Doppel-s, wenn man ein Wort zwischen den beiden (vermuteten) s trennen kann, sonst Eszett:
Es besteht also folgender Zusammenhang:
Das Eszett steht somit für den stimmlosen S-Laut nach langen Vokalen und Diphthongen (Zwielauten wie au und ei) sowie am Silbenende (auch vor Beugungs-t) und vor Wortfugen. Man spricht auch von der Adelungschen Eszettregel, nach Johann Christoph Adelung, der diese Schreibung propagierte. Eine alternative Formulierung dieser Eszettregel lautet: ss wird nur dann nicht zu ß, wenn es zwischen Vokalen innerhalb eines nicht zusammengesetzten Wortbestandteils steht, dessen erster Vokal kurz ist. Nach der RechtschreibreformDie Reform belebt die sogenannte Heysesche Eszettregel wieder, die sich an der hochsprachlichen Aussprache eines Worts orientiert und die schon von 1876 bis 1901 in Österreich amtlichen Status hatte: Auf langen Vokal folgt Eszett, auf kurzen Doppel-s. Dabei zählen Diphthonge wie schon vor der Reform immer als lang.
Da nicht immer Einigkeit besteht, welche Aussprache die hochsprachliche ist, gibt es seit der Reform verstärkt Doppelformen: Geschoß/Geschoss, Löß/Löss, Ruß/Russ, Spaß/Spass, Maß/Mass. Vor- und NachteileVorteil der Adelungschen Eszettregel ist die leichtere Lesbarkeit: Das Eszett ist kompakter als ein Doppel-s, hat eine Oberlänge und läßt speziell Wortfugen stärker hervortreten. Die Regel setzt voraus, daß man Wörter in ihre Bestandteile zerlegen kann. Von der Eszettregel nach Heyse profitiert durch die stärkere Übereinstimmung zwischen Lautung und Schreibung speziell der Nichtmuttersprachler beim Lesen, was jedoch zu einigen dialektalen Schreibvarianten führt. Um diese Regel beim Schreiben korrekt anwenden zu können, ist die Kenntnis der Normaussprache nötig. Eigennamen und FremdwörterEigennamen müssen keiner der beiden Regeln genügen: Carl Friedrich Gauss, Günther Grass, Theodor Heuss, Ernst Theodor Amandus Litfaß, Karl Theodor Wilhelm Weierstrass. Auch Fremdwörter entziehen sich teils der beschriebenen Systematik: Croissant, Renaissance. Weitere Informationen zum Eszett. Einfaches s oder Doppel-s/Eszett?(mit Dank an Wolf Busch für wertvolle Anregungen speziell zur regional gefärbten Aussprache) Diese Web-Seiten lieber in neuer Rechtschreibung? Keine Hilfe bieten obige Regeln zur Eszettschreibung bei der Entscheidung, ob ein Wort mit einfachem s oder mit Doppel-s/Eszett geschrieben wird — weder vor noch nach der Reform. Trotz einigen Ausnahmen gibt es aber Regeln, wie S-Laute in der deutschen Rechtschreibung dargestellt werden. Diese richten sich — wie im Deutschen üblich — nach Normaussprache und Wortherkunft. Zusammengesetzte Wörter werden dabei nach ihren Bestandteilen betrachtet.
Die Regeln 2 und 3 haben dabei Vorrang vor 4 und 5. Das fast nur noch in Diktaten vorkommende Wort Gleisner (Heuchler, von »es jemandem gleichtun« im Sinne von »sich verstellen«) lernt man am besten als Einzelfall auswendig. Auch beim Griesgram erschließt sich die Verbindung zu grieseln wohl nur den wenigsten auf Anhieb. Ebenfalls häufig falsch geschrieben werden Narzißt und Narzißmus (nach dem Namen Narcissus; damit verwandt auch die Narzisse), wohl aufgrund der Anlehnung an die Substantivsuffixe -ist für Personenbezeichnungen sowie -ismus für Abstrakta. (Die systematischen Bildungen Narzissist und Narzissismus sind eher selten — anders als im Englischen narcissist und narcissism.) Die Trennung zwischen stimmhaftem und -losem S-Laut ist regional weniger bis gar nicht ausgeprägt. So wird im Norden statt des stimmlosen S-Lauts der Standardaussprache manchmal stimmhafter S-Laut gesprochen, was sich in manchen Wörtern nord- oder niederdeutscher Herkunft — trotz vorangehendem kurzen Vokal — in großen Teilen des deutschen Sprachraums erhalten hat: Dussel, Fussel (Herkunft unklar), pusseln, quasseln. Im Süden wiederum ist oft der stimmhafte S-Laut ungebräuchlich, was sich in orthographischen Varianten niederschlägt: So wurde unter Preiselbeere noch bis zur 13. Duden-Auflage (1947) auf die nach österreichischem, preußischem und bayerischem Regelwerk zulässige Schreibweise Preißelbeere verwiesen, unter Greißler auf die frühere österreichische Variante Greisler und unter Verlies und Vlies auf die in Bayern und Österreich gängigen Schreibweisen Verließ und Vließ, die sich sogar noch in der 35. Auflage des ÖWB (1979) fanden; der sechsbändige Wahrig verzeichnet sowohl Greisler als auch Greißler und führt Fließ als orthographische Variante zu Vlies. Neben dem heute üblichen Graus (Schutt, Geröll) steht bis zur 11. Duden-Auflage (1934) noch Grauß, in manchen Wörterbüchern bis gegen 1900 sogar ausschließlich letztere Schreibweise, möglicherweise zur Abgrenzung von Graus im Sinne von Schrecken und aufgrund der Verwandtschaft zu Grieß. Auch in Fremdwörtern wird der S-Laut zuweilen uneinheitlich eingedeutscht: So schrieb der Duden bis zur 13. Auflage Deßjatine (russisches Flächenmaß), der achtbändige (1993) jedoch Desjatine. Die 17. und die 18. Auflage Ost sowie der große Wahrig ließen beide Schreibweisen zu. Noch in aktuellen Wörterbüchern findet sich neben dem Haupteintrag Profos auch Profoß bzw. Profoss. Weitere Informationen zu den Wörtern das und daß. Wie spricht und trennt man Stilleben?Dieser Abschnitt befindet sich jetzt auf der Seite zur Etymologie. Drei gleiche Buchstaben hintereinanderEine Besonderheit der deutschen Orthographie sind zusammengesetzte Wörter, an deren Fuge mehr als zwei gleiche Buchstaben aufeinanderstoßen. Drei gleiche Konsonanten vor der RechtschreibreformTreffen durch Zusammensetzung drei gleiche Konsonanten aufeinander, so werden nur dann alle drei geschrieben, wenn auf sie ein weiterer Konsonant folgt: Balletttruppe, Betttruhe, Fetttropfen, Sauerstoffflasche. Folgt jedoch ein Vokal, so fällt einer der drei Konsonanten aus: Brennessel, Rolladen, Schiffahrt, stillegen. Bei Worttrennung an dieser Stelle taucht der fallengelassene Konsonant wieder auf: Brenn-nessel, Roll-laden, Schiff-fahrt, still-legen. (ck wird nicht als kk betrachtet und tz nicht als zz: Rückkehr, Steckkarte, Netzzugang, Satzzeichen.) Als Grund für diese Regel wird oft angeführt, daß drei direkt aufeinanderfolgende gleiche Buchstaben schlechter zu lesen seien als nur zwei und daß — von Einzelfällen wie Bettuch bzw. Betttuch abgesehen — die Eindeutigkeit durch die Auslassung nicht beeinträchtigt werde. Die verschlechterte Erkennbarkeit der Wortfuge in Wörtern mit Doppel- und Dreifach-s (statt Eszett und ßs), wie sie durch die Reform auftreten, belegt, daß dem wohl so ist, doch erklärt dies nicht die Differenzierung der Regel danach, ob es sich beim folgenden Buchstaben um einen Konsonanten oder um einen Vokal handelt. Möglich erscheint ein Einfluß der Aussprache an der Fuge, denn während bei folgendem Konsonanten oft hörbar getrennt wird (Papp·plakat), wodurch das Wort klar in einen ersten Teil mit kurzem Vokal (Papp, daher Doppel-p notwendig) und einen zweiten zerfällt, so wird bei folgendem Vokal die Fuge eher verschliffen (Brennessel). Erst bei der Trennung am Zeilenende wird der Doppelkonsonant als Indikator für die Kürze des vorangehenden Vokals wieder zwingend notwendig. Schreibung von 1901Ursprünglich war dem Schreiber freigestellt, ob er den dritten Konsonanten ausfallen ließ oder nicht:
(Duden, 1905) Erst in der darauffolgenden 9. Auflage, die den Buchdrucker-Duden integrierte, wurde diese Kann-Regel zum Muß: »[…] so ist einer davon zu streichen«. Ballettheater: Theta, Rho, PhiZu obiger Regel gibt es eine weitere subtile Sonderregel: Obwohl der Buchstabe h im Deutschen zu den Konsonanten zählt, wird ein auf den griechischen Buchstaben Theta zurückgehendes th wie ein einfaches t behandelt. Das h in th bleibt also unbeachtet, und erst der dem h folgende Buchstabe entscheidet, ob einer der drei vorangehenden gleichen Konsonanten ausfällt. Klassisches Schulbeispiel für diese Regel ist die Zusammensetzung Ballett-theater, die zu Ballettheater (mit nur zwei t) wird. Angesichts der früher im Deutschen üblichen Schreibweise Ballet (statt heute Ballett) scheint es jedoch denkbar, daß es sich bei der Form Ballettheater um eine völlig regelmäßige Zusammensetzung aus Ballet und Theater handelt und die Theta-Regel möglicherweise ad hoc aus Unkenntnis dieser alten Schreibweise oder zum Zweck der rechtfertigenden Neuinterpretation einer alten Zusammensetzung entstand. Diese Regel wurde vom Ost-Duden auch auf rh und ph angewandt (Regel K 19). Letzteres erscheint aufgrund der unterschiedlichen Aussprache von p und ph jedoch fragwürdig: Papphoto? Drei gleiche Vokale vor der RechtschreibreformBei drei gleichen aufeinanderfolgenden Vokalen unterscheidet die klassische Rechtschreibung nach Substantiven und Nichtsubstantiven: In Substantiven wird ein Bindestrich gesetzt, sonst nicht: Kaffee-Ersatz, See-Elefant, Tee-Ei; aber seeerfahren, schneeerhellt. Bis zur 17. Auflage schwächte der Ost-Duden den Bindestrich durch die Zusätze »in der Regel« und »häufig« zur Kann-Regel ab (K184). Amtliche RechtschreibungNach der Reform von 1996 werden in Zusammensetzungen immer alle Buchstaben geschrieben, ganz gleich, ob es sich um Vokale oder um Konsonanten handelt oder ob der Dreiergruppe ein Vokal oder ein Konsonant folgt. Es steht — wie schon vor der Reform — dem Schreiber frei, unübersichtliche Zusammensetzungen mit Bindestrich zu gliedern: Brennnessel, Schifffahrt, Tee-Ei. Doch nicht einmal diese Regel ist ohne Ausnahme: Die gebräuchlichen Wörter dennoch, Drittel und Mittag bleiben unangetastet. Sie waren schon vor der Reform insofern Ausnahmen, als ihr dritter (verlorener) Konsonant nicht einmal bei Trennungen wiedererschien: den-noch, Drit-tel, Mit-tag. Gelegentlich wird auch Dritteil als in diese Gruppe gehörig genannt. Mehr als drei gleiche BuchstabenIm Deutschen lassen sich Wörter mit mehr als drei gleichen Buchstaben in Folge konstruieren, etwa Nausikaaaaaalsuppe (von der Tochter des Königs der Phaiaken bereitete Suppe aus Aalen aus dem Fluß Aa), Raaaar (Adler, der auf einer Takelage sitzt), Sanaaaal (Aal aus der Hauptstadt Jemens), Unfalllloyd (beschädigter Automobiloldtimer) oder Zoooologe (im Zoo tätiger Eierkundler). Für Vokale schreibt die klassische Rechtschreibung in Substantiven Bindestriche vor, doch es ist unklar, wie mehr als drei Konsonanten zu behandeln sind. (Beispiele von Andreas Karrer, Gerhard Horriar, Matthias Opatz und Martin Gerdes.) Siehe hierzu auch die Wortrekorde. Anderer BuchstabenausfallDer Ausfall von Buchstaben ist nicht auf Dreifachkonsonanten bei Zusammensetzungen und auch nicht auf die klassische Rechtschreibung beschränkt: Achtel (statt Acht-tel), Hoheit (statt Hoh-heit; beide auch nach der Reform so), Roheit (nach der Reform Rohheit). Auch in Beugungen, etwa Verbformen auf -st (lösen: du löst), und Ableitungen (Esel, -lein: Eselein) können Buchstaben ausfallen. In § 19 der amtlichen Rechtschreibregeln in der Fassung vom Februar 2006 heißt es:
Aufgrund der möglichen Fehllesung ist eine Worttrennung an einer solchen Stelle mit ausgefallenem e kaum zu empfehlen, zumal die amtlichen Regeln kein Wiedereinsetzen des ausgefallenen Buchstabens bei Trennung vorsehen. Noch in der 7. Auflage des Dudens (1902) — wie auch lange noch in manchen amtlichen Wörterbüchern der deutschsprachigen Länder — war es freigestellt, ob man beispielsweise Alleen oder Alleeen, Armeen oder Armeeen, knien oder knieen, Seen oder Seeen schrieb. Erst der Buchdrucker-Duden (1903) und in seiner Folge die 8. Auflage des Dudens (1905) ließen diese Option fallen und machten den e-Ausfall zur Regel, entgegen der möglichen Zahl der Sprechsilben. Die Varianten geschrieen und gespieen finden sich (neben den heute ausschließlichen Amtsschreibweisen geschrien und gespien) auch noch in modernen Wörterbüchern. Weitere Informationen zu Dreifachbuchstaben, speziell Dreifach-s, finden Sie im Abschnitt über das Eszett. Eindeutschende Schreibweisen
(Jacob Grimm, Deutsches Wörterbuch, Band 1, Seite xxvi) Sinn und Unsinn der Eindeutschung von Fremdwörtern sind häufig Thema in de.etc.sprache.deutsch, gerade im Kontext der Rechtschreibreform. Nun mag man — sicherlich nicht zu Unrecht — kritisieren, daß die »tollpatschigen« Reformer hier zu weit vorgeprescht sind; eine Anpassung der Schreibweise fremder Wörter ist jedoch nicht ungewöhnlich. Die folgende kleine Auswahl soll in Erinnerung rufen, daß auch heute völlig gängige Wörter, denen man ihre Herkunft kaum mehr ansieht, fremden Ursprungs sind: Akzent (lateinisch accentus), Bluse (französisch blouse), Brosche (frz. broche), Büro (frz. bureau), Dolmetscher (ungarisch tolmács), Dschungel (englisch jungle), Dusche (frz. douche), Elefant (lat. elephantus, griechisch elephas; dito Fotografie und Telefon; aber beim Delfin ginge die Welt unter?), Frisör (frz. friseur; ja, friseur gibt es regional in Frankreich wirklich, wenngleich selten), Gruppe (frz. groupe), Hängematte (über niederländisch hangmat aus dem haitianischen hamaca), Jockei (engl. jockey), Kanu (engl. canoe), Kautsch (engl. couch; seit der 14. Auflage Ost (1951) wie West (1954) im Duden, und ein Beispiel dafür, daß nicht jede Eindeutschung angenommen wird: nach der 17. Auflage Ost (1976) bzw. 19. Auflage West (1986) wieder verschwunden, und nicht einmal die Rechtschreibreformer haben versucht, diese mausetote Schreibweise wiederzubeleben), Kautschuk (frz. caoutchouc), Keks (engl. Plural cakes; ursprünglich Sing. Kek, Plur. Keks; letzterer besteht noch heute neben dem gebräuchlicheren Kekse), Ketchup (siehe den eigenen Eintrag im Abschnitt über Etymologie), Klischee (frz. cliché), Kode (engl., frz. code), Koks (früher auch Coaks, engl. Plur. cokes), Komitee (frz. comité), Kotelett (frz. côtelette), Krawatte (frz. cravate, dieses wiederum vom deutschen Krawat (= Kroate), also kroatische Halsbinde), Krepp (frz. crêpe), Kuvert (frz. couvert), Likör (frz. liqueur), Majonäse (frz. mayonnaise), nett (frz. net), Paket (frz. paquet), Porträt (frz. portrait), Puder (frz. poudre), Punsch (engl. punch), Rasse (frz. race), Rollo (frz. Rouleau), Schal (über engl. shawl aus dem Persischen), Scharnier (frz. charnière), Schattenmorelle (frz. Château Morelle), Scheck (engl. cheque), Schi (norwegisch ski), schick (frz. chic, was wiederum vom deutschen Schick (= was sich schickt) kommt), Schofför (frz. chauffeur), Sketsch (engl. sketch), Soße (frz. sauce), Streik (engl. strike), Trasse (frz. trace), trist (frz. triste), vage (frz. vague). Adresse dieser Seite: http://faql.de/rechtschreibung.html | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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