Das Binnen-I · Frauen, Männer, generischer Singular und generischer Plural · man, Mann, Mensch · Mohrenkopf, Negerkuß · Tschechei, Tschechien, Böhmen · etwas türken · das Genus

Politisch korrekte Sprache

Diese Web-Seiten lieber in neuer Rechtschreibung?

Wenn die Grammatiker die Substantive statt in männlich, weiblich, sächlich in, sagenwirmal, rot, grün, blau eingeteilt hätten, würde niemand auf den Gedanken kommen, dass das Genus irgendwas mit dem biologischen Geschlecht zu tun haben könnte.

(Andreas Karrer, de.etc.sprache.deutsch, 2003-08-20)


ein Mohrenkopf/Negerkuß

Mohrenkopf und Negerkuß

Vor zehn Jahren durfte ich noch »Negerküsse« essen, dann beklagten sich Minderheiten wegen dieses diskriminierenden Ausdrucks. Seitdem verdrücke ich eben Dickmänner. Daß aber Schwarzafrikaner und alle Welt auch heute noch Hamburger verspeisen, regt offenbar kein Schwein auf.

(Dietrich Hoerne, Hamburg, Focus 42/1996)

Mohrenkopf und Negerkuß sind politisch offenbar total unkorrekt. Heutzutage muß es vielmehr heißen: schokoladenüberzogene Schaumzuckermasse mit schwarzafrikanischem Migrationshintergrund.


Tschechei oder Tschechien?

Ich freu' mich ja, daß dieser Abschnitt äußerst beliebt zu sein scheint (wenn auch teils aus verqueren Gründen), aber durch die webforentypischen Cut-&-Paste-Orgien enthaltet Ihr Euren Lesern etwaige Aktualisierung vor. Setzt daher statt dessen doch bitte einfach einen Verweis. Die Adresse dieses Abschnitts lautet <http://faql.de/pc.html#tschechei>.

Es ist zwar nicht »politisch korrekt«, aber die Übersetzung von Čechy lautet Böhmen. (Oder sagt hier jemand Praha anstelle von Prag?)

»Aber Böhmen schließt Mähren und Schlesien aus!«

Ach, Česká Republika, Tschechische Republik, Tschechien und Tschechei etwa nicht? Weitere Stichworte: Synekdoche vom Engeren; pars pro toto.

»Tschechei stand für Tschechoslowakei

die Tsche|chei, - (früher bzw. sal.): Tschechien

(Österreichisches Wörterbuch, 38. Auflage, 1997)

Tsche|chei, die; -: nichtamtliche Bez. für die historischen Gebiete Böhmen u. Mähren innerhalb der 1918 gegründeten Tschechoslowakei.

(Duden in 8 Bänden, 1995)

Vielmehr schließt umgekehrt Tschechien in seiner ursprünglichen Bedeutung die Slowakei mit ein! So jedenfalls erklärt der Duden in seiner 10. Auflage (1929) den Eintrag Tschechien lapidar mit »Tschechoslowakei«, ebenso das Wörterbuch »Das Deutsche Wort« von Richard Pekrun aus dem Jahre 1933.

»Aber schon vor der Teilung der Tschechoslowakei zum 1. Januar 1993 haben viele Deutschsprachige beispielsweise gesagt, sie besuchten die Tschechei. Also muß Tschechei für Tschechoslowakei gestanden haben, denn die Tschechische Republik gab es ja noch gar nicht!«

Die Tschechei existierte schon vor der Tschechischen Republik. Wenn ein Österreicher sagt, er fahre nach Bayern, wird dadurch Bayern auch nicht zum Synonym für Deutschland. Vielleicht wollte der Deutschsprachige, der vor 1993 das Wort Tschechei statt Tschechoslowakei benutzte, einfach nur klarstellen, daß er nicht die Slowakei meint.

»Das Suffix -ei hat einen negativen Beiklang.«

Wie in Brunei, Dsungarei, Kabylei, Kaschubei, Lombardei, Mandschurei, Mongolei, Probstei, Tatarei, Türkei und Walachei? Und sagt man neuerdings Slowakien? (Ebenfalls auf -ei, jedoch nicht ganz ins Schema passend: Ciskei, Transkei.)

»Die Tschechier wollen nicht, daß wir ihr Land Tschechei nennen.«

Welch ein Argument! Wir heißen Deutsche — was schert das die Engländer, die uns Germanen, die Franzosen, die uns Alemannen, die Italiener, die uns tedeschi nennen?

(Wolf Schneider: Deutsch für Profis)

Bei den Finnen heißen wir »Sachsen«. Daß die meisten Deutschen weder Sachsen noch Alemannen sind und viele dies auch durchaus nicht sein wollen, hat einen Franzosen oder einen Finnen noch nie irritiert. Bei uns aber verbieten es sich die meisten Zeitungen und in ihrem Schlepptau immer mehr Bürger, statt der amtlichen »Niederlande« das populäre Holland oder statt »Großbritannien« England zu verwenden — die Schotten, die Waliser könnten ja beleidigt sein! Dabei hat sich keiner von diesen je beschwert, und täten sie es, wären sie immer noch für die deutsche Sprache gänzlich unzuständig. Wie meldete sich von 1940 bis 1945 der deutschsprachige Dienst der BBC? »Hier ist England!« Die konnten noch Deutsch.

(ebenfalls Wolf Schneider: Deutsch für Kenner)

(Die Verbindung von Wolf Schneiders Aussagen mit dem Thema Tschechien ist alleine mir anzulasten.)

Bei den Schweizern gibt es für Deutsche noch die abwertende Bezeichnung Schwaben, und in slawischen Sprachen werden Deutsche (Nemez o. ä.) als Stumme — da nicht Slawisch sprechend — bezeichnet (etwa Niemiec im Polnischen).

Siehe hierzu auch die Herkunft des Worts »deutsch« und den Abschnitt Why are there so many words for Germany? in der sci.lang-FAQL.

Im übrigen ist die von amtlicher tschechischer Seite im eigenen Land oftmals forcierte tschechische Kurzform Česko, also das Äquivalent zu Tschechien, auch unter Muttersprachlern keineswegs unumstritten — anders als das tschechische Adjektiv český, das sowohl böhmisch als auch tschechisch bedeuten kann, also nicht zwischen dem Landesteil Böhmen und der Tschechischen Republik als Ganzem unterscheidet. So wird der tschechische Autor und Politiker Václav Havel mit den Worten zitiert, ihm »laufen Schauer über den Rücken«, wenn er das Wort Česko erblicke.

Einen erneuten Versuch des tschechischen Außenministers Lubomír Zaorálek vom April 2016, international die Kurzform »Czechia« durchzusetzen, kritisierte Ondřej Hýsek, Vorsitzender der mährischen Partei Moravané mit den Worten: »In dem Begriff Czechia finden sich Mähren und Schlesien nicht wieder.«

»Aber die Nazis haben den Begriff Tschechei benutzt!«

Benutzten die Nazis nicht auch den Begriff Frankreich? Also, laßt uns politisch korrekt Frankien sagen.

(Erik Meltzer, de.etc.sprache.deutsch, 1999-08-20)

»Bescheuerte Situation. Wie vermeide ich das Problem weitgehend?«

Durch Tschechische Republik; das entspricht auch der amtlichen Sprachregelung des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland, das Tschechien ausdrücklich als »nichtamtlich« bezeichnet.


Das Binnen-I

Die Bezeichnung männlicher und weiblicher Gruppen im Deutschen

Ist »Studenten« sexistisch?

Die meist vehement vertretenen Standpunkte lassen sich in folgender Kurzform darstellen (siehe auch die nebenstehende Grafik):

  • Frau + Mann: Mensch
  • Studentin + ???: Student (Standpunkt A)
  • Studentin + Student: »StudentIn« (Standpunkt B)

(Entsprechendes gilt für Pluralformen.)

Standpunkt A läßt sich wohl als die klassische (»männlich-chauvinistische«) Interpretation bezeichnen. Hier gibt es — zumindest ohne weitere Zusätze — keine Form, die eindeutig auf eine Person männlichen Geschlechts schließen läßt (Studenterich? Studerpel?) — eine klare Benachteiligung desselben im Deutschen. (Die erfolgreichste Autorin bezieht sich eindeutig auf eine Frau; der erfolgreichste Autor kann — ohne weitergehende Informationen — sowohl Mann als auch Frau bezeichnen.)

Die Münchner Feministin Hannelore Mabry legte 1987 im »Spiegel« Wert auf die Feststellung, sie habe eine Gruppe nichtfeministischer Frauen nicht als Arschlöcher, sondern als Arschlöcherinnen bezeichnet.

(Wolf Schneider: Deutsch für Kenner)

Im akademischen Umfeld ist als generischer Plural auch die Studierenden gängig, was im Singular mit bestimmtem Artikel (also bei schwacher Beugung) jedoch oft zur Form der/die Studierende führt und bei starker Beugung, etwa nach unbestimmtem Artikel, zu noch umständlicheren Dopplungen: ein Studierender, eine Studierende oder gar ein(e) Studierende(r). An dieser Form wird außerdem kritisiert, daß sie — obgleich der dem Wort Student zugrundeliegenden lateinischen Form studens grammatikalisch ähnlich — stärker das gegenwärtige Tun betont. Bekannt ist die Kritik Max Goldts daran:

Wie lächerlich der Begriff »Studierende« ist, wird deutlich, wenn man ihn mit einem Partizip Präsens verbindet. Man kann nicht sagen: »In der Kneipe sitzen biertrinkende Studierende.« Oder nach einem Massaker an einer Universität: »Die Bevölkerung beweint die sterbenden Studierenden.« Niemand kann gleichzeitig sterben und studieren.

(Wenn man einen weißen Anzug anhat: ein Tagebuch-Buch)

Auf Standpunkt B stehen in erster Linie Personen, die nicht begriffen haben, daß Genus und Sexus im Deutschen recht wenig miteinander zu tun haben (die Aufsicht, die Aushilfe/Aushilfskraft, die Drohne, der/das Elter, das Fräulein, die Geisel, das Geschwister, die Koryphäe, das Mädchen, das Mündel, die Person, die Waise, das Weib). Die VertreterInnen dieser Meinung müssen sich natürlich fragen lassen, warum man/frau/mensch bei der (Berufs-)Bezeichnung einer Person — insbesondere wenn das Geschlecht keinen Einfluß auf die ausgeübte Tätigkeit hat — überhaupt einen Unterschied machen muß.

Eine Parallelität von Genus und Sexus (von grammatischem und natürlichem Geschlecht) besteht nicht, was sich bereits an dem Vorhandensein einer dritten Gruppe mit Neutra ablesen läßt. Beispielen wie der Mann, die Frau steht eine Fülle von Substantiven ohne Übereinstimmung von Genus und Sexus gegenüber. Und auch sonst gibt es kein System von Regeln, nach dem man das Genus der Substantive bestimmen kann.

(Duden, Band 4)

Empfohlener Lesestoff hierzu: Sprachfeminismus in der Sackgasse von Arthur Brühlmeier.

Ebenfalls sehr lesenswert: Douglas R. Hofstadter: Metamagicum (Seiten 145 bis 167).


Frauen, Männer, generische Singulare und generische Plurale

Berufs- und andere Gruppenbezeichnungen bereiten manchen Sprechern Probleme, wenn das biologische Geschlecht einer bezeichneten Person oder Gruppe vom grammatikalischen abweicht oder gar unbekannt ist. Hierzu haben sich folgende Konventionen herausgebildet, wobei generisch eine unbestimmte Person oder Gruppe, eine Person unbekannten oder beliebigen Geschlechts oder eine Gruppe unbekannter, beliebiger oder gemischter Geschlechterzusammensetzung bezeichnen kann.

biol. männl.biol. weibl.generisch
Mann (Sg.)normal (1)
Männernormal (1)
-mannnormal (1)rar (1)gängig (1)
-männernormal (1)rar (1)gängig (1)
Mann (Pl.)gängig (2)gängig (2)
Mannenselten (2)selten (2)
Fraunormal (3)
Frauennormal (3)
-fraurar (3)normal (3)rar (3)
-frauenrar (3)normal (3)rar (3)
-leutegängig (8)gängig (8)normal (8)
(unmarkiert, gramm. männl., Sg.)normal (4, 9)selten (4)gängig (4)
(unmarkiert, gramm. männl., Pl.)normal (4)selten (4)gängig (4, 9)
(unmarkiert, gramm. weibl., Sg.)selten (5)selten (5)selten (5)
(unmarkiert, gramm. weibl., Pl.)selten (5)selten (5)selten (5)
(Partizip, Sg.)gängig (6)gängig (6)gängig (6)
(Partizip, Pl.)gängig (6)gängig (6)gängig (6)
-innormal (7, 9)
-innennormal (7)
-Inselten (11)
-Innenselten (11)
  • (1) Singular: Mann/-mann — Plural: Männer/-männer

    Dies bezeichnet fast immer Personen männlichen biologischen Geschlechts. Ausnahmen sind erstarrte Formen wie beispielsweise das Tierkreiszeichen Wassermann oder der Vordermann. Sätze wie »Sie ist unser bester Mann.« sind grenzwertig und werden zumeist Irritationen auslösen. Soll eine auf -mann endende Funktionsbezeichnung, die historisch primär Männern vorbehalten war, auf Frauen ausgedehnt werden, wird hierfür üblicherweise auf die Konventionen (3, 8) oder (7) gewechselt.

  • (2) Plural: Mann, Mannen

    Mann kann selten auch ohne Bezug zu einem biologischen Geschlecht verwendet werden, etwa in der Wendung Alle Mann an Deck! Der Plural Mannen in der Bedeutung Gefolgsleute, oft auch mit leicht ironischem Unterton verwendet, ist ebenfalls auf gemischte Gruppen oder Gruppen unbekannter Zusammensetzung anwendbar; eine Anwendung auf eine bekannt rein weibliche Gruppe hingegen wäre eher ungewöhnlich.

  • (3) Singular: Frau/-frau — Plural: Frauen/-frauen

    Ähnlich (1) bezeichnet diese Form nahezu ausnahmslos Personen weiblichen biologischen Geschlechts: Landfrau, Landfrauen.

    Eine generische Verwendung oder die Übertragung einer Form auf -frau auf männliche Personen kommt gelegentlich vor, beispielsweise im Filmtitel Jungfrau (40), männlich, sucht (Originaltitel: The 40 Year Old Virgin).

    Die Berufsbezeichnung Hebamme wird in Österreich generisch verwendet; in Deutschland weicht man bei Anwendung auf eine konkrete männliche Person auf die spezifisch männliche Form Entbindungspfleger aus.

    Oft wird eine rein weibliche Form nicht ganz ernstgemeint auf männliche Personen übertragen, etwa »Schwester Arno« für die Rolle von Arno Görke als Krankenpfleger und Arzthelfer in der Kinderfernsehsendung mit dem Hasen Cäsar.

  • (4) Singular: Informant — Plural: Informanten

    Unmarkierte Formen männlichen grammatikalischen Geschlechts können sowohl Personen männlichen Geschlechts bezeichnen als auch generisch verwendet werden. Oft handelt es sich um sogenannte Nomina agentis, die den Träger eines Geschehens bezeichnen: Absender, Komponist, Konkurrent, Leser, Prüfer, Schreiber.

    Bei Verneinung der generischen Funktion werden weibliche Personen oder Gruppen wie in (7) beschrieben mit der markierten Form bezeichnet, typischerweise auf -in und -innen; anderenfalls wird dies als unnötig erachtet, und markierte Formen kommen im selben Zusammenhang nicht vor: Sie ist von Beruf Lehrer.

    ein Ausschnitt aus einer Stellenanzeige von Aldi-Süd

    In Stellenanzeigen folgt der generischen Form auch oft »(m/w)« (für männlich/weiblich), um gesetzlichen Regelungen Genüge zu tun.

    Sowohl bei der Verwendung der markierten als auch der unmarkierten Form nach den Schemata (4) bis (7) kann es unklar sein, ob eine Aussage sich auf ein bestimmtes biologisches Geschlecht bezieht oder generisch gemeint ist. In solchen Fällen wird üblicherweise die unmarkierte Form als generische interpretiert und durch den Zusatz »männlich« oder »weiblich« ergänzt: der erste weibliche Kanzler (weibliche Kanzlerin würde als pleonastisch empfunden, da die markierte Form auf -in nahezu immer geschlechtsspezifisch und nahezu niemals generisch verwendet wird); der erfolgreichste männliche Popsänger. Auch die Anrede einer Frau mit der generischen Form ist gängig: Frau Doktor (dagegen selten: Frau Doktorin), Frau Minister (häufiger: Frau Ministerin).

  • (5) Singular: Geisel — Plural: Geiseln

    Es gibt Fälle, in denen ein Femininum für beide Geschlechter und generisch eingesetzt werden kann: Aushilfe, Berühmtheit, Geisel, Koryphäe, Person, Wache, Waise. Diese Fälle sind selten, ihre universelle Anwendbarkeit aber unstrittig und unauffällig.

  • (6) Singular: Reisende — Plural: Reisenden

    Substantivierte Partizipien lassen sich ohne Änderung der Form mit beliebigem grammatikalischen Geschlecht verwenden. Auch der Gebrauch als generischer Plural ist üblich. der/die Studierende, die Studierenden, der/die Geliebte, die Geliebten. Im politisch korrekten Umfeld ist speziell Studierende statt Studenten und den sperrigen Doppelformen nach (10) gängig.

  • (7) Singular: Ärztin — Plural: Ärztinnen

    Durch Markierung des Singulars mit der Endung -in wird eine Person weiblichen biologischen Geschlechts bezeichnet, durch den Plural auf -innen eine Gruppe, die sich ausschließlich aus Personen weiblichen biologischen Geschlechts zusammensetzt. Die Form auf -in wird außerdem bevorzugt, wenn der Wechsel von -mann auf -frau gemäß Konvention (3) eine unerwünschte Konnotation hervorriefe. Die weibliche Form des Zimmermanns lautet so Zimmerin, nicht Zimmerfrau.

    Auch andere Markierungen fallen hierunter, etwa aus dem Französischen -euse als Gegenstück zu -eur: Souffleuse — wobei nicht alle Maskulina auf -eur zu Feminina auf -euse werden: Ingenieur wird — sofern das Wort nicht ohnehin als generisch betrachtet wird — beispielsweise zu Ingenieurin, nicht Ingenieuse.

    Ein ungewöhnlicher Fall stellt die Amtmännin dar, die nach dieser Konvention vom Amtmann abgeleitet ist. Gängiger ist heute jedoch die Amtfrau.

    Eine Verwendung dieser markierten Form als generische Bezeichnung (generisches Femininum) ist unüblich, kommt jedoch in Ausnahmefällen meist politisch motiviert vor; siehe hierzu auch (11).

  • (8) Singular: -mann oder -frau — Plural: -leute

    Diese Form kombiniert die geschlechtsspezifischen Formen (1) und (3) zu einer gemeinsamen generischen Form mit dem Plural auf -leute für eine Gruppe unbekannten, unbestimmten oder gemischten biologischen Geschlechts. So spräche man im Plural beispielsweise von Kaufleuten, während man eine Person unbestimmten Geschlechts im Singular durch die Doppelform Kaufmann oder Kauffrau bezeichnete — wobei jedoch beide einer kaufmännischen Tätigkeit nachgehen, keiner kaufmännlichen oder kaufweiblichen. Ist das Geschlecht bekannt bzw. in einer Gruppe einheitlich, finden zumeist die Formen (1) und (3) Anwendung; -leute ist dennoch auch hier möglich.

    Eine Ausnahme bildet der Plural Eheleute, der ein zusammengehöriges Paar bezeichnet, keine beliebige Gruppe verheirateter Personen.

    Zum Singular von Leute siehe auch unter Pluraletantum.

  • (9) Singular: Student, Studentin — Plural: Studenten

    Diese Konvention unterscheidet im Singular wie nach (4) und (7), nutzt für den Plural aber die unmarkierte Form generisch.

  • (10) Singular: Student oder Studentin — Plural: Studenten und/oder Studentinnen

    Diese Kombination aus (1) und (3), jeweils streng auf das biologische Geschlecht bezogen, wird stets paarweise verwendet, speziell in Politik und auf gesetzliche Anordnung: Bürgerinnen und Bürger, Wählerinnen und Wähler, Nummerninhaberinnen und -inhaber, Kolleginnen und Kollegen. Diese Doppelformen werden oft als sperrig und leser- und leserinnenunfreundlich angesehen.

    »oder« wird im Singular verwendet, wenn er sich auf eine einzige Person bezieht, sowie im Plural, wenn es sich nicht zwingend um eine gemischtgeschlechtliche Gruppe handelt: Der Präsident oder die Präsidentin und die beiden Vizepräsidenten oder Vizepräsidentinnen werden jeweils auf Vorschlag des Beirates von der Bundesregierung benannt. Die vom Bundesrat vorgeschlagenen Vertreter oder Vertreterinnen werden für die Dauer von vier Jahren berufen.

  • (11) Singular: GenossIn — Plural: GenossInnen

    Diese Form entspricht in ihrer Verwendung der (unüblichen) generischen Interpretation von (7), unterscheidet sich in der Aussprache jedoch oft dadurch, daß -in bzw. -innen nicht mit dem vorherigen Laut verbunden oder gar durch Verschlußlaut (Glottisschlag) davon getrennt ausgesprochen wird. Sie wird noch von der Berliner Tageszeitung taz gepflegt.

    Auf negativ besetzte Begriffe wird diese Form typischerweise nicht angewandt; hier bleibt es bei der unmarkierten generischen Form (4), also Mörder statt MörderInnen, Vergewaltiger statt VergewaltigerInnen.

Daß Bürokraten keinen Humor hätten, ist ein widerlegbares Vorurteil. Z. B. durch das Formular, das der Verlustanzeige eines »Studierenden«-Ausweises dient. Dort fragt ein Leerfeld neugierig nach der Immatrikulationsnummer und erklärt in freundlichen Klammern: »Siehe Studentenausweis«.

(Titanic 2015-02)


man, Mann und Mensch

Woher kommt das Pronomen man?

man läßt sich — ebenso wie Mann und Mensch — auf die indogermanische Wurzel manu- für Mensch, Mann zurückführen, die ihrerseits möglicherweise auf men- (verwandt mit lateinisch mens und englisch mind) für denken zurückgeht; die Urbedeutung wäre dann denkendes Wesen.

Althochdeutsch man bezeichnet einen Menschen unabhängig von dessen Geschlecht; die geschlechtsspezifischen Entsprechungen sind wer für männlicher Mensch (erhalten in Wergeld, Werwolf, Welt, engl. world; verwandt mit lat. vir) und quina für weiblicher Mensch (erhalten in engl. queen; verwandt mit griechisch gyne).

woman, das englische Wort für Frau (von altenglisch wifman; wif verwandt mit engl. wife, dt. Weib, also weiblicher Mensch bedeutend), zeigt, daß erst durch ein Präfix eine Differenzierung stattfand. Die geschlechtsübergreifende Bedeutung von man ist auch im Englischen teils erhalten, etwa im indefinit gebrauchten man und in mankind. (»That's one small step for man, one giant leap for mankind.«)

Während sich bei neuhochdeutsch man, jemand, niemand, jedermann diese übergreifende Bedeutung uneingeschränkt erhalten hat, hat sie sich bei nhd. Mann auf männlicher Mensch eingeengt. Den ursprünglichen Platz von ahd. man in seiner geschlechtsunspezifischen Bedeutung hat dann nhd. Mensch (ahd. mennisco, abgeleitet vom Adjektiv mennisc, männisch) eingenommen. Eine ähnliche Entwicklung haben im Französischen die nicht mit man verwandten Wörter on und homme, beides aus lat. homo, durchlaufen.

Das weibliche Pendant zu Mann in seiner heutigen Bedeutung war ursprünglich Weib. Frau, von ahd. frouwa (die weibliche Form zu frô, Herr, verwandt mit Fron), urverwandt mit dem Namen der Göttin Freyja, war das Gegenstück zu Herr (heute in dieser Parallelität noch in der Anrede erhalten). Eine spezifisch weibliche Form des unspezifischen man müßte also eher wib denn frau heißen; mensch ist kein bißchen weniger mit Mann verwandt als man. Durch die Formel man/frau werden Menschen weiblichen Geschlechts aus der durch man bezeichneten Gruppe herausgenommen — was ähnlich sinnvoll ist, als spräche man von Menschen und Frauen.

Dame kam über das Französische vom lateinischen domina ins Deutsche und bedeutet ebenfalls Herrin. Jedoch ist weder herrlich von Herr abgeleitet noch dämlich von Dame. Wohl aber gehen Herr und herrlich beide auf das Adjektiv hehr (bzw. dessen althochdeutschen Vorgänger) zurück.

mensch — Hat angeblich frau statt man abgelöst und ist gleich noch meschugger, ja fast dämlicher.

(Eckhard Henscheid: Dummdeutsch)


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