Das Binnen-I ·
Frauen, Männer, generischer Singular und generischer Plural ·
man, Mann, Mensch ·
Mohrenkopf, Negerkuß ·
Tschechei, Tschechien, Böhmen ·
etwas türken ·
das Genus
Politisch korrekte Sprache
Diese Web-Seiten lieber in neuer
Rechtschreibung?
Wenn die Grammatiker die Substantive statt in männlich,
weiblich, sächlich in, sagenwirmal, rot, grün, blau
eingeteilt hätten, würde niemand auf den Gedanken kommen,
dass das
Genus irgendwas mit dem biologischen Geschlecht zu tun haben
könnte.
(Andreas Karrer, de.etc.sprache.deutsch,
2003-08-20)

Mohrenkopf und Negerkuß
Vor zehn Jahren durfte ich noch »Negerküsse« essen, dann
beklagten sich Minderheiten wegen dieses diskriminierenden
Ausdrucks. Seitdem verdrücke ich eben Dickmänner. Daß aber
Schwarzafrikaner und alle Welt auch heute noch Hamburger
verspeisen, regt offenbar kein Schwein auf.
(Dietrich Hoerne, Hamburg, Focus 42/1996)
Mohrenkopf und Negerkuß sind politisch
offenbar total unkorrekt. Heutzutage muß es
vielmehr heißen: schokoladenüberzogene Schaumzuckermasse mit
schwarzafrikanischem Migrationshintergrund.
Tschechei oder
Tschechien?
Ich freu' mich ja, daß dieser Abschnitt äußerst beliebt
zu sein scheint (wenn auch teils aus verqueren Gründen),
aber durch die webforentypischen Cut-&-Paste-Orgien
enthaltet Ihr Euren Lesern etwaige Aktualisierung vor. Setzt
daher statt dessen doch bitte einfach einen
Verweis. Die Adresse dieses Abschnitts lautet
<http://faql.de/pc.html#tschechei>.
Es ist zwar nicht »politisch korrekt«, aber die
Übersetzung von Čechy lautet
Böhmen. (Oder sagt hier jemand Praha anstelle von Prag?)
»Aber Böhmen schließt Mähren und Schlesien
aus!«
Ach, Česká Republika,
Tschechische Republik, Tschechien und
Tschechei etwa nicht? Weitere Stichworte:
Synekdoche vom Engeren; pars pro
toto.
»Tschechei stand für
Tschechoslowakei!«
die Tsche|chei, - (früher bzw. sal.): Tschechien
(Österreichisches Wörterbuch, 38. Auflage,
1997)
Tsche|chei, die; -: nichtamtliche Bez. für die historischen Gebiete
Böhmen u. Mähren
innerhalb der 1918 gegründeten Tschechoslowakei.
(Duden in 8 Bänden, 1995)
Vielmehr schließt umgekehrt Tschechien in seiner
ursprünglichen Bedeutung die Slowakei mit ein! So
jedenfalls erklärt der Duden in seiner 10. Auflage (1929)
den Eintrag Tschechien lapidar mit
»Tschechoslowakei«, ebenso das Wörterbuch »Das Deutsche
Wort« von Richard Pekrun aus dem Jahre 1933.
»Aber schon vor der Teilung der
Tschechoslowakei zum 1. Januar 1993 haben viele
Deutschsprachige beispielsweise gesagt, sie besuchten
die Tschechei. Also muß
Tschechei für Tschechoslowakei gestanden
haben, denn die Tschechische Republik gab es ja noch gar
nicht!«
Die Tschechei existierte schon vor der Tschechischen
Republik. Wenn ein Österreicher sagt, er fahre nach Bayern,
wird dadurch Bayern auch nicht zum Synonym für Deutschland.
Vielleicht wollte der Deutschsprachige, der vor 1993 das
Wort Tschechei statt Tschechoslowakei
benutzte, einfach nur klarstellen, daß er nicht
die Slowakei meint.
»Das Suffix -ei hat einen negativen
Beiklang.«
Wie in Brunei, Dsungarei,
Kabylei, Kaschubei, Lombardei,
Mandschurei, Mongolei, Probstei,
Tatarei, Türkei und Walachei? Und
sagt man neuerdings Slowakien? (Ebenfalls auf
-ei, jedoch nicht ganz ins Schema passend: Ciskei,
Transkei.)
»Die Tschechier wollen nicht, daß wir
ihr Land Tschechei nennen.«
Welch ein Argument! Wir heißen Deutsche —
was schert das die Engländer, die uns Germanen, die
Franzosen, die uns Alemannen, die Italiener, die
uns tedeschi nennen?
(Wolf Schneider: Deutsch für Profis)
Bei den Finnen heißen wir »Sachsen«. Daß die meisten
Deutschen weder Sachsen noch Alemannen sind und viele dies
auch durchaus nicht sein wollen, hat einen Franzosen oder
einen Finnen noch nie irritiert. Bei uns aber verbieten es
sich die meisten Zeitungen und in ihrem Schlepptau immer
mehr Bürger, statt der amtlichen »Niederlande« das populäre
Holland oder statt »Großbritannien«
England zu verwenden — die Schotten, die
Waliser könnten ja beleidigt sein! Dabei hat sich keiner von
diesen je beschwert, und täten sie es, wären sie immer noch
für die deutsche Sprache gänzlich unzuständig. Wie meldete
sich von 1940 bis 1945 der deutschsprachige Dienst der BBC? »Hier ist England!« Die konnten noch
Deutsch.
(ebenfalls Wolf Schneider: Deutsch für
Kenner)
(Die Verbindung von Wolf Schneiders Aussagen mit
dem Thema Tschechien ist alleine mir
anzulasten.)
Bei den Schweizern gibt es für Deutsche noch die
abwertende Bezeichnung Schwaben, und in slawischen
Sprachen werden Deutsche (Nemez o. ä.) als Stumme
— da nicht Slawisch sprechend — bezeichnet (etwa
Niemiec im Polnischen).
Siehe hierzu auch die Herkunft des Worts
»deutsch« und den Abschnitt Why are there so many words for
Germany? in der sci.lang-FAQL.
Im übrigen ist die von amtlicher
tschechischer Seite im eigenen Land oftmals forcierte
tschechische Kurzform Česko, also
das Äquivalent zu Tschechien, auch unter
Muttersprachlern keineswegs
unumstritten — anders als das tschechische
Adjektiv český, das sowohl
böhmisch als auch tschechisch bedeuten
kann, also nicht zwischen dem Landesteil Böhmen und der
Tschechischen Republik als Ganzem unterscheidet. So wird der
tschechische Autor und Politiker Václav Havel mit den Worten
zitiert, ihm »laufen Schauer über den Rücken«, wenn er das
Wort Česko erblicke.
Einen erneuten Versuch des tschechischen Außenministers
Lubomír Zaorálek vom April 2016, international die Kurzform
»Czechia« durchzusetzen, kritisierte Ondřej Hýsek,
Vorsitzender der mährischen Partei Moravané mit den
Worten: »In dem Begriff Czechia finden
sich Mähren und Schlesien nicht wieder.«
»Aber die Nazis haben den Begriff Tschechei
benutzt!«
Benutzten die Nazis nicht auch den Begriff
Frankreich? Also, laßt uns politisch korrekt
Frankien sagen.
(Erik Meltzer, de.etc.sprache.deutsch,
1999-08-20)
»Bescheuerte Situation. Wie vermeide ich das Problem
weitgehend?«
Durch Tschechische Republik; das entspricht auch
der amtlichen Sprachregelung des Auswärtigen Amtes der
Bundesrepublik Deutschland, das Tschechien
ausdrücklich als »nichtamtlich« bezeichnet.
Das Binnen-I

Ist »Studenten« sexistisch?
Die meist vehement vertretenen Standpunkte lassen sich in
folgender Kurzform darstellen (siehe auch die nebenstehende
Grafik):
- Frau + Mann: Mensch
- Studentin + ???: Student (Standpunkt A)
- Studentin + Student: »StudentIn« (Standpunkt B)
(Entsprechendes gilt für Pluralformen.)
Standpunkt A läßt sich wohl als die klassische
(»männlich-chauvinistische«) Interpretation bezeichnen. Hier
gibt es — zumindest ohne weitere Zusätze — keine
Form, die eindeutig auf eine Person männlichen Geschlechts
schließen läßt (Studenterich? Studerpel?) — eine klare
Benachteiligung desselben im Deutschen. (Die
erfolgreichste Autorin bezieht sich eindeutig auf
eine Frau; der erfolgreichste Autor kann
— ohne weitergehende Informationen — sowohl Mann
als auch Frau bezeichnen.)
Die Münchner Feministin Hannelore Mabry legte 1987 im »Spiegel« Wert auf die Feststellung, sie
habe eine Gruppe nichtfeministischer Frauen nicht als
Arschlöcher, sondern als Arschlöcherinnen
bezeichnet.
(Wolf Schneider: Deutsch für Kenner)
Im akademischen Umfeld ist als generischer Plural auch
die Studierenden gängig, was im Singular mit
bestimmtem Artikel (also bei schwacher Beugung) jedoch oft
zur Form der/die Studierende führt und bei starker
Beugung, etwa nach unbestimmtem Artikel, zu noch
umständlicheren Dopplungen: ein Studierender, eine
Studierende oder gar ein(e) Studierende(r). An
dieser Form wird außerdem kritisiert, daß sie —
obgleich der dem Wort Student zugrundeliegenden
lateinischen Form studens grammatikalisch
ähnlich — stärker das gegenwärtige Tun betont. Bekannt
ist die Kritik Max Goldts daran:
Wie lächerlich der Begriff »Studierende« ist, wird
deutlich, wenn man ihn mit einem Partizip Präsens verbindet.
Man kann nicht sagen: »In der Kneipe sitzen biertrinkende
Studierende.« Oder nach einem Massaker an einer Universität:
»Die Bevölkerung beweint die sterbenden Studierenden.«
Niemand kann gleichzeitig sterben und studieren.
(Wenn man einen weißen Anzug anhat: ein
Tagebuch-Buch)
Auf Standpunkt B stehen in erster Linie Personen, die
nicht begriffen haben, daß Genus
und Sexus im Deutschen recht wenig miteinander zu tun haben
(die Aufsicht, die
Aushilfe/Aushilfskraft, die Drohne,
der/das Elter, das Fräulein,
die Geisel, das Geschwister,
die Koryphäe, das Mädchen,
das Mündel, die Person, die
Waise, das Weib). Die VertreterInnen
dieser Meinung müssen sich natürlich fragen lassen, warum
man/frau/mensch bei der (Berufs-)Bezeichnung einer Person
— insbesondere wenn das Geschlecht keinen
Einfluß auf die ausgeübte Tätigkeit hat — überhaupt
einen Unterschied machen muß.
Eine Parallelität von Genus und Sexus (von grammatischem
und natürlichem Geschlecht) besteht nicht, was sich bereits
an dem Vorhandensein einer dritten Gruppe mit Neutra ablesen
läßt. Beispielen wie der Mann, die Frau
steht eine Fülle von Substantiven ohne Übereinstimmung von
Genus und Sexus gegenüber. Und auch sonst gibt es kein
System von Regeln, nach dem man das Genus der Substantive
bestimmen kann.
(Duden, Band 4)
Empfohlener Lesestoff hierzu: Sprachfeminismus
in der Sackgasse von Arthur Brühlmeier.
Ebenfalls sehr lesenswert: Douglas R. Hofstadter: Metamagicum (Seiten
145 bis 167).
Frauen, Männer, generische Singulare und
generische Plurale
Berufs- und andere Gruppenbezeichnungen bereiten manchen
Sprechern Probleme, wenn das biologische Geschlecht einer
bezeichneten Person oder Gruppe vom grammatikalischen
abweicht oder gar unbekannt ist. Hierzu haben sich folgende
Konventionen herausgebildet, wobei generisch eine
unbestimmte Person oder Gruppe, eine Person unbekannten oder
beliebigen Geschlechts oder eine Gruppe unbekannter,
beliebiger oder gemischter Geschlechterzusammensetzung
bezeichnen kann.
| biol. männl. | biol. weibl. | generisch |
| Mann (Sg.) | normal (1) | — | — |
| Männer | normal (1) | — | — |
| -mann | normal (1) | rar (1) | gängig (1) |
| -männer | normal (1) | rar (1) | gängig (1) |
| Mann (Pl.) | gängig (2) | — | gängig (2) |
| Mannen | selten (2) | — | selten (2) |
| Frau | — | normal (3) | — |
| Frauen | — | normal (3) | — |
| -frau | rar (3) | normal (3) | rar (3) |
| -frauen | rar (3) | normal (3) | rar (3) |
| -leute | gängig (8) | gängig (8) | normal (8) |
| (unmarkiert, gramm. männl., Sg.) | normal (4, 9) | selten (4) | gängig (4) |
| (unmarkiert, gramm. männl., Pl.) | normal (4) | selten (4) | gängig (4, 9) |
| (unmarkiert, gramm. weibl., Sg.) | selten (5) | selten (5) | selten (5) |
| (unmarkiert, gramm. weibl., Pl.) | selten (5) | selten (5) | selten (5) |
| (Partizip, Sg.) | gängig (6) | gängig (6) | gängig (6) |
| (Partizip, Pl.) | gängig (6) | gängig (6) | gängig (6) |
| -in | — | normal (7, 9) | — |
| -innen | — | normal (7) | — |
| -In | — | — | selten (11) |
| -Innen | — | — | selten (11) |
(1) Singular: Mann/-mann — Plural:
Männer/-männer
Dies bezeichnet fast immer Personen männlichen
biologischen Geschlechts. Ausnahmen sind erstarrte Formen
wie beispielsweise das Tierkreiszeichen
Wassermann oder der Vordermann.
Sätze wie »Sie ist unser bester Mann.« sind
grenzwertig und werden zumeist Irritationen auslösen. Soll
eine auf -mann endende Funktionsbezeichnung, die
historisch primär Männern vorbehalten war, auf Frauen
ausgedehnt werden, wird hierfür üblicherweise auf die
Konventionen (3, 8) oder (7) gewechselt.
(2) Plural: Mann, Mannen
Mann kann selten auch ohne Bezug zu einem
biologischen Geschlecht verwendet werden, etwa in der
Wendung Alle Mann an Deck! Der Plural
Mannen in der Bedeutung Gefolgsleute, oft
auch mit leicht ironischem Unterton verwendet, ist ebenfalls
auf gemischte Gruppen oder Gruppen unbekannter
Zusammensetzung anwendbar; eine Anwendung auf eine bekannt
rein weibliche Gruppe hingegen wäre eher
ungewöhnlich.
(3) Singular: Frau/-frau — Plural:
Frauen/-frauen
Ähnlich (1) bezeichnet diese Form nahezu ausnahmslos
Personen weiblichen biologischen Geschlechts:
Landfrau, Landfrauen.
Eine generische Verwendung oder die Übertragung einer
Form auf -frau auf männliche Personen kommt
gelegentlich vor, beispielsweise im Filmtitel Jungfrau
(40), männlich, sucht (Originaltitel: The 40 Year Old Virgin).
Die Berufsbezeichnung Hebamme wird in
Österreich generisch verwendet; in Deutschland weicht man
bei Anwendung auf eine konkrete männliche Person auf die
spezifisch männliche Form Entbindungspfleger
aus.
Oft wird eine rein weibliche Form nicht ganz ernstgemeint
auf männliche Personen übertragen, etwa »Schwester Arno« für
die Rolle von Arno Görke als Krankenpfleger und Arzthelfer
in der Kinderfernsehsendung mit dem Hasen Cäsar.
(4) Singular: Informant — Plural:
Informanten
Unmarkierte Formen männlichen grammatikalischen
Geschlechts können sowohl Personen männlichen Geschlechts
bezeichnen als auch generisch verwendet werden. Oft handelt
es sich um sogenannte Nomina agentis, die den
Träger eines Geschehens bezeichnen: Absender,
Komponist, Konkurrent,
Leser, Prüfer,
Schreiber.
Bei Verneinung der generischen Funktion werden weibliche
Personen oder Gruppen wie in (7) beschrieben mit der
markierten Form bezeichnet, typischerweise auf -in
und -innen; anderenfalls wird dies als unnötig
erachtet, und markierte Formen kommen im selben Zusammenhang
nicht vor: Sie ist von Beruf
Lehrer.

In Stellenanzeigen folgt der generischen Form auch oft
»(m/w)« (für männlich/weiblich), um gesetzlichen
Regelungen Genüge zu tun.
Sowohl bei der Verwendung der markierten als auch der
unmarkierten Form nach den Schemata (4) bis (7) kann es
unklar sein, ob eine Aussage sich auf ein bestimmtes
biologisches Geschlecht bezieht oder generisch gemeint ist.
In solchen Fällen wird üblicherweise die unmarkierte Form
als generische interpretiert und durch den Zusatz »männlich«
oder »weiblich« ergänzt: der erste weibliche
Kanzler (weibliche Kanzlerin würde als
pleonastisch empfunden, da die markierte Form auf
-in nahezu immer geschlechtsspezifisch und nahezu
niemals generisch verwendet wird); der erfolgreichste
männliche Popsänger. Auch die Anrede einer Frau mit
der generischen Form ist gängig: Frau Doktor
(dagegen selten: Frau Doktorin), Frau
Minister (häufiger: Frau
Ministerin).
(5) Singular: Geisel — Plural: Geiseln
Es gibt Fälle, in denen ein Femininum für beide
Geschlechter und generisch eingesetzt werden kann:
Aushilfe, Berühmtheit,
Geisel, Koryphäe,
Person, Wache, Waise.
Diese Fälle sind selten, ihre universelle Anwendbarkeit aber
unstrittig und unauffällig.
(6) Singular: Reisende — Plural: Reisenden
Substantivierte Partizipien lassen sich ohne Änderung der
Form mit beliebigem grammatikalischen Geschlecht verwenden.
Auch der Gebrauch als generischer Plural ist üblich.
der/die Studierende, die Studierenden,
der/die Geliebte, die Geliebten. Im politisch
korrekten Umfeld ist speziell Studierende statt
Studenten und den sperrigen Doppelformen nach (10)
gängig.
(7) Singular: Ärztin — Plural: Ärztinnen
Durch Markierung des Singulars mit der Endung
-in wird eine Person weiblichen biologischen
Geschlechts bezeichnet, durch den Plural auf -innen
eine Gruppe, die sich ausschließlich aus Personen weiblichen
biologischen Geschlechts zusammensetzt. Die Form auf
-in wird außerdem bevorzugt, wenn der Wechsel von
-mann auf -frau gemäß Konvention (3) eine
unerwünschte Konnotation hervorriefe. Die weibliche Form des
Zimmermanns lautet so Zimmerin,
nicht Zimmerfrau.
Auch andere Markierungen fallen hierunter, etwa aus dem
Französischen -euse als Gegenstück zu
-eur: Souffleuse — wobei nicht
alle Maskulina auf -eur zu Feminina auf
-euse werden: Ingenieur wird —
sofern das Wort nicht ohnehin als generisch betrachtet wird
— beispielsweise zu Ingenieurin, nicht
Ingenieuse.
Ein ungewöhnlicher Fall stellt die Amtmännin
dar, die nach dieser Konvention vom Amtmann
abgeleitet ist. Gängiger ist heute jedoch die
Amtfrau.
Eine Verwendung dieser markierten Form als generische
Bezeichnung (generisches Femininum) ist unüblich, kommt
jedoch in Ausnahmefällen meist politisch motiviert vor;
siehe hierzu auch (11).
(8) Singular: -mann oder -frau — Plural:
-leute
Diese Form kombiniert die geschlechtsspezifischen Formen
(1) und (3) zu einer gemeinsamen generischen Form mit dem
Plural auf -leute für eine Gruppe unbekannten,
unbestimmten oder gemischten biologischen Geschlechts. So
spräche man im Plural beispielsweise von
Kaufleuten, während man eine Person
unbestimmten Geschlechts im Singular durch die Doppelform
Kaufmann oder Kauffrau bezeichnete —
wobei jedoch beide einer kaufmännischen Tätigkeit
nachgehen, keiner kaufmännlichen oder
kaufweiblichen. Ist das Geschlecht bekannt bzw. in
einer Gruppe einheitlich, finden zumeist die Formen (1) und
(3) Anwendung; -leute ist dennoch auch hier
möglich.
Eine Ausnahme bildet der Plural Eheleute,
der ein zusammengehöriges Paar bezeichnet, keine beliebige
Gruppe verheirateter Personen.
Zum Singular von Leute siehe auch unter Pluraletantum.
(9) Singular: Student, Studentin — Plural:
Studenten
Diese Konvention unterscheidet im Singular wie nach (4)
und (7), nutzt für den Plural aber die unmarkierte Form
generisch.
(10) Singular: Student oder Studentin — Plural:
Studenten und/oder Studentinnen
Diese Kombination aus (1) und (3), jeweils streng auf das
biologische Geschlecht bezogen, wird stets paarweise
verwendet, speziell in Politik und auf gesetzliche
Anordnung: Bürgerinnen und Bürger,
Wählerinnen und Wähler,
Nummerninhaberinnen und -inhaber,
Kolleginnen und Kollegen. Diese Doppelformen
werden oft als sperrig und leser- und leserinnenunfreundlich
angesehen.
»oder« wird im Singular verwendet, wenn er sich auf eine
einzige Person bezieht, sowie im Plural, wenn es sich nicht
zwingend um eine gemischtgeschlechtliche Gruppe handelt:
Der Präsident oder die Präsidentin und die beiden
Vizepräsidenten oder Vizepräsidentinnen werden jeweils auf
Vorschlag des Beirates von der Bundesregierung
benannt. Die vom Bundesrat vorgeschlagenen
Vertreter oder Vertreterinnen werden für die Dauer von vier
Jahren berufen.
(11) Singular: GenossIn — Plural:
GenossInnen
Diese Form entspricht in ihrer Verwendung der
(unüblichen) generischen Interpretation von (7),
unterscheidet sich in der Aussprache jedoch oft dadurch,
daß -in bzw. -innen nicht mit dem
vorherigen Laut verbunden oder gar durch Verschlußlaut
(Glottisschlag) davon getrennt ausgesprochen wird. Sie wird
noch von der Berliner Tageszeitung taz
gepflegt.
Auf negativ besetzte Begriffe wird diese Form
typischerweise nicht angewandt; hier bleibt es bei
der unmarkierten generischen Form (4), also
Mörder statt MörderInnen,
Vergewaltiger statt
VergewaltigerInnen.
Daß Bürokraten keinen Humor hätten, ist ein widerlegbares
Vorurteil. Z. B. durch das Formular, das der Verlustanzeige
eines »Studierenden«-Ausweises dient. Dort fragt ein
Leerfeld neugierig nach der Immatrikulationsnummer und
erklärt in freundlichen Klammern: »Siehe
Studentenausweis«.
(Titanic 2015-02)
man, Mann und
Mensch
Woher kommt das Pronomen man?
man läßt sich — ebenso wie Mann
und Mensch — auf die indogermanische Wurzel
manu- für Mensch, Mann
zurückführen, die ihrerseits möglicherweise auf men- (verwandt mit lateinisch mens und englisch mind)
für denken zurückgeht; die Urbedeutung wäre dann
denkendes Wesen.
Althochdeutsch man bezeichnet einen
Menschen unabhängig von dessen Geschlecht; die
geschlechtsspezifischen Entsprechungen sind wer für männlicher Mensch (erhalten
in Wergeld, Werwolf, Welt, engl. world;
verwandt mit lat. vir) und quina für
weiblicher Mensch (erhalten in engl. queen;
verwandt mit griechisch gyne).
woman, das englische Wort für
Frau (von altenglisch wifman;
wif verwandt mit engl. wife, dt. Weib, also
weiblicher Mensch bedeutend), zeigt, daß erst durch
ein Präfix eine Differenzierung stattfand. Die
geschlechtsübergreifende Bedeutung von man ist auch
im Englischen teils erhalten, etwa im indefinit gebrauchten
man und in mankind.
(»That's one small step for man, one giant
leap for mankind.«)
Während sich bei neuhochdeutsch man,
jemand, niemand, jedermann diese
übergreifende Bedeutung uneingeschränkt erhalten hat, hat
sie sich bei nhd.
Mann auf männlicher Mensch eingeengt. Den
ursprünglichen Platz von ahd. man
in seiner geschlechtsunspezifischen Bedeutung hat dann nhd.
Mensch (ahd. mennisco, abgeleitet vom Adjektiv mennisc, männisch) eingenommen.
Eine ähnliche Entwicklung haben im Französischen die nicht
mit man verwandten Wörter on und
homme, beides aus lat. homo,
durchlaufen.
Das weibliche Pendant zu Mann in seiner heutigen
Bedeutung war ursprünglich Weib. Frau, von
ahd. frouwa (die weibliche Form zu frô, Herr, verwandt mit
Fron), urverwandt mit dem Namen der Göttin
Freyja, war das Gegenstück zu Herr (heute
in dieser Parallelität noch in der Anrede erhalten). Eine
spezifisch weibliche Form des unspezifischen man
müßte also eher wib denn frau heißen;
mensch ist kein bißchen weniger mit Mann
verwandt als man. Durch die Formel
man/frau werden Menschen weiblichen Geschlechts aus
der durch man bezeichneten Gruppe herausgenommen
— was ähnlich sinnvoll ist, als spräche man von
Menschen und Frauen.
Dame kam über das Französische vom lateinischen
domina ins Deutsche und bedeutet
ebenfalls Herrin. Jedoch ist weder
herrlich von Herr abgeleitet noch
dämlich von Dame. Wohl aber gehen
Herr und herrlich beide auf das Adjektiv
hehr (bzw. dessen althochdeutschen
Vorgänger) zurück.
mensch — Hat angeblich frau statt
man abgelöst und ist gleich noch meschugger, ja
fast dämlicher.
(Eckhard Henscheid: Dummdeutsch)
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