| Apfelkerngehäuse, Brotanschnitt, Gummisauger · Krapfen, Berliner, Pfannkuchen · Aussprache -ig · Samstag, Sonnabend · sein, haben · Uhrzeiten, Viertel vier · Borealismus · Pluralbildung mit/ohne Umlaut · Wie sagt man in Österreich? · Wie sagt man in der Schweiz? · Wodenstag Lokalkolorit
(Peter Brülls, de.etc.sprache.deutsch, 2005-09-09) Eine todsichere Methode, sich in de.etc.sprache.deutsch lächerlich zu machen, besteht darin, daß man seinen Idio- bzw. Regiolekt als verbindlich für den gesamten deutschen Sprachraum erklärt, etwa indem man als Berliner behauptet, daß Pfannkuchen und Krapfen dasselbe seien. Apfelkerngehäuse, Brotanschnitt und GummisaugerManches Ding und seine hochdeutschen und regionalen Bezeichnungen scheinen es Teilnehmern von de.etc.sprache.deutsch ganz besonders angetan zu haben. Von einigen dieser Objekte heißt es gelegentlich, daß es sich um den Gegenstand mit den meisten Bezeichnungen handele, von anderen, daß sie gar keinen Namen hätten. Zu letzterer Gruppe siehe auch hungrig, satt und durstig und Das Ding an der Kasse. Im folgenden die populärsten Begriffe und einige ihrer in de.etc.sprache.deutsch häufiger genannten alternativen Bezeichnungen:
Krapfen, Berliner, Pfannkuchen …Viel ist in de.etc.sprache.deutsch schon über die regionalen Namen von Nahrungsmitteln geschrieben worden. Leider sind manche dieser Diskussionen von Mißverständnissen geprägt, speziell solche über Berliner und Pfannkuchen, da es an akzeptierten überregionalen Bezeichnungen mangelt. Möge die Bebilderung im folgenden — im de-Usenet aus guten wie schlechten Gründen noch immer nicht akzeptiert — zur Klärung beitragen. Krapfen
Berliner
Die geographische Verteilung veranschaulicht der Atlas zur deutschen Alltagssprache. Pfannkuchen
Amerikaner
richtich oder richtick — was ist richtig?Zunächst einmal die deskriptive Seite: Im Norden Deutschlands herrscht die Aussprache von »-ig« als ich [Iç] vor, im Süden, in Österreich und in der Schweiz ick [Ik]. Zur grafischen Darstellung der geographischen Verteilung siehe den Atlas zur deutschen Alltagssprache. Damit könnte schon alles gesagt sein, gäbe es nicht ständige Bestrebungen, eine bestimmte dieser beiden Formen — meistens die Aussprache als ich — als die »korrekte« darzustellen. Die Verfechter dieses Standpunkts berufen sich dabei üblicherweise auf den Siebs und das sich daran anlehnende Duden-Aussprachewörterbuch. Nach Theodor Siebs' Werk Deutsche Aussprache (hier zitiert nach der 19. Auflage von 1969) gilt im Silbenschluß und vor Konsonanten für die »reine Hochlautung« die Aussprache von »-ig« als Reibelaut [Iç], nicht als Verschlußlaut [Ik]. »Aus Gründen des Wohlklangs« werde [Ik] gesprochen, wenn ein zweites [ç] folgt: ewiglich, königlich, Königreich. Vor Vokalen und bei Apostrophierung werde Verschlußlaut [g] gesprochen: ewige, Könige, blut'ge, freud'ge. (Seiten 100, 113 f.) (Diese »Wohlklangregel« hinterläßt dabei einen etwas willkürlichen Eindruck, gibt es doch viele gängige und auch von ihrer Aussprache unauffällige Wörter mit zweifachem ich-Laut: flüchtig, löchrig, mächtig, nichtig, oberflächlich, pflichtig, reichlich, richtig, sächlich, süchtig, trächtig, tüchtig, vorsichtig, weichlich, wichtig, widersprüchlich.) Nun sollte man Herkunft und ursprünglichen Zweck des Siebsschen Werks nicht vergessen: Es war — wie aus dem früheren Titel Deutsche Bühnenaussprache hervorgeht — für die Zwecke der Bühne gedacht, und im Siebs selbst wird betont, »daß eine mechanische Übertragung der Bühnenaussprache auf die Alltagsrede im Sinne der Umgangssprachen nicht in Frage komme« (Seite 4). Man ist im Siebs also keineswegs so vermessen, die Varianten totzuschweigen, und erwähnt (Seite 114) gleich im Anschluß an obige »-ig«-Regeln, daß in »gemäßigter Hochlautung« in Österreich, Schweiz und Süddeutschland [Ik] für »-ig« gesprochen wird. Man gibt sich in der Einführung sogar ausgesprochen liberal (Seite 7 f.):
Auch daß der Rundfunk andere Ansprüche an den Sprecher stellt als eine Aufführung auf der Bühne, ist den Verfassern des Siebs durchaus bewußt (Seite 153):
Das zeigt eine der Designprämissen, die dem Siebs ursprünglich zugrunde lagen. Auch im folgenden Abschnitt, in dem es um die öffentliche Rede geht, wird dies deutlich (Seite 155 f.):
Und für das Fernmeldewesen heißt es gar (Seite 157):
Selbst im Siebs wird das Thema »-ig« also nicht gar so schwarz-weiß dargestellt, wie man aus den übereifrigen Behauptungen einiger seiner Jünger in de.etc.sprache.deutsch manchmal schließen könnte. Samstag oder Sonnabend?Beides ist korrekt. Samstag ist im Südwesten gebräuchlich, Sonnabend im Nordosten. Der Atlas zur deutschen Alltagssprache enthält eine Karte, die die Verbreitungsgebiete zeigt. Sein oder Nichtsein bzw. sein oder haben?Nördlich des Mains: habe gelegen/gesessen/gestanden. Südlich des Mains: bin gelegen/gesessen/gestanden. Anmerkung von Martin Gerdes:
Anmerkung von Michael Prónay:
Uhrzeiten (viertel, dreiviertel)Während die Mitte zwischen zwei vollen Stunden im Deutschen einheitlich mit halb und der folgenden Stunde bezeichnet wird (beispielsweise halb elf für 10 Uhr 30 Minuten), so gibt es verschiedene regionale Konventionen für die Viertelstunden. (Nebenstehende Karte in grober Anlehnung an den Atlas zur deutschen Alltagssprache der Uni Augsburg, das Wörterbuch deutscher Dialekte von Ulrich Knoop sowie den dtv-Atlas zur deutschen Sprache von Werner König, der sich wiederum auf den Wortatlas der deutschen Umgangssprachen bezieht.)
Für 5 Uhr 15 Minuten begegnet man folgenden Ausdrucksweisen:
Für 5 Uhr 45 Minuten sind nur zwei Notationen üblich:
Hessen und Pfalz liegen in beiden Fällen im Grenzgebiet, wobei dreiviertel (neben Viertel vor) deutlich gängiger ist als alleinstehendes viertel (neben vorherrschendem Viertel nach), möglicherweise weil der zeitliche Bezug zur folgenden vollen Stunde fünfzehn Minuten vorher näherliegt als fünfundvierzig Minuten vorher. Auch scheint bei dreiviertel die Gefahr eines Verwechselns mit anderen Formen geringer zu sein als bei Viertel mit oder ohne Präposition — gerade im sprachlichen Grenzgebiet, in dem beide Konventionen üblich sind. In diesem Sinne dient die Paarung Viertel nach mit dreiviertel möglicherweise sogar einer klareren Informationsübermittlung als Viertel nach/vor und der in der Praxis nicht vorkommenden Kombination von viertel und Viertel vor. Eine neuere Untersuchung der Uni Augsburg zeigt, daß sogar im klassischen dreiviertel-Gebiet die Viertel-vor-Form auf dem Vormarsch ist (grün markiertes Gebiet). Des weiteren findet sich eine kleine Insel bei Kassel, wo Viertel auf sechs in der Bedeutung Viertel vor sechs belegt ist — im Unterschied zur bairischen Bedeutung Viertel nach fünf. Die Verfechter von viertel und dreiviertel weisen gerne auf die angeblich so offensichtliche mathematische Systematik hinter dieser ihrer Zählweise hin:
Diese Systematik erschließt sich jedoch nur dem, der ohnehin mit ihr vertraut ist. Sie ergibt sich insbesondere nicht intuitiv aus dem (im deutschen Sprachraum allgemein bekannten) Gebrauch von halb, da letzteres auch als halbe Stunde bis/vor (statt Hälfte der nächsten vollen Stunde) interpretiert werden kann, was mit den dialektalen Viertel-Formen jedoch nicht übereinstimmt, weshalb diese beim unvorbereiteten vor/nach-Sprecher für Irritationen sorgen. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß lediglich die Formen Viertel vor und Viertel nach überregional verständlich sind — was den landschaftlichen Formen jedoch nichts von ihrer regionalen Berechtigung und Bedeutung nimmt. Sämtliche Varianten dieser Uhrzeitangaben in Viertelstundeneinheiten — viertel, halb und dreiviertel — sind dabei ausschließlich im Zwölfstundensystem üblich: Sowohl 15 Minuten nach 0 Uhr (Mitternacht) als auch 15 Minuten nach 12 Uhr (Mittag) werden daher als Viertel nach zwölf bezeichnet. RechtschreibungBei der Groß-/Kleinschreibung und der Getrennt-/Zusammenschreibung ist die Situation nicht weniger unübersichtlich: Lediglich über die Kleinschreibung des Adjektivs halb besteht Einigkeit. Viertel hingegen kann Zahladjektiv und Substantiv sein, und bis zur Reform schienen sich alle Wörterbuchredaktionen einig, daß Viertel in allen Uhrzeitvarianten Substantiv ist und dementsprechend groß geschrieben wird. Abseits der Schulorthographie begegnete und begegnet man jedoch gleichermaßen klein geschriebenem viertel, so im Wörterbuch deutscher Dialekte sowie im dtv-Atlas. Auch die in den gängigen Orthographien zu findende Getrenntschreibung drei Viertel scheint ein eher theoretisches Konstrukt: Die Suche nach Uhrzeitangaben im Web fördert rund die sechsfache Zahl an Zusammenschreibungen zutage — eine Tendenz, die der sechsbändige Wahrig bereits 1981 durch ein dreiviertel-Uhrzeitbeispiel bestätigt. Die amtliche Rechtschreibung von 2006 bringt nur begrenzt Klarheit: So soll viertel »in Uhrzeitangaben unmittelbar vor Kardinalzahlen« klein, in allen anderen Fällen groß geschrieben werden: viertel sieben, drei viertel acht, kurz vor drei Viertel, Viertel nach neun, Viertel vor zehn. Der reformierte Duden jedoch enthält das Beispiel es hat ein Viertel eins geschlagen. Möglicherweise sieht man hier den Viertelstundenschlag einer Uhr betont, so daß es sich bei Viertel um ein Substantiv handeln soll. Andererseits schreibt der Duden direkt im Anschluß: es hat viertel eins geschlagen. Hier tendiert man ohne Kardinalzahl vor viertel wohl zu einem abstrakten Zeitintervall (oder -punkt) und entscheidet sich daher für die Interpretation als Adjektiv. Ob die Uhr jedoch drei Viertel, drei viertel oder gar dreiviertel eins schlägt — um diese Antwort drückt sich die Duden-Redaktion. Der pragmatische Ansatz auch hier: Man verzichte auf die landschaftlichen Formen und schreibe Viertel in Viertel vor/nach groß. Die viertel-Formen ohne Präposition schreibe man klein, wie halb. Und wer dreiviertel gleichermaßen klein und zusammen schreibt, hat Konsistenz, Mehrheit und sechsbändigen Wahrig auf seiner Seite. Kommentar von Michael Staats:
Wie sagt man in Österreich?ISBN 3-411-04983-9. (Nur noch antiquarisch erhältlich.) Wie sagt man in der Schweiz?Eine überarbeitete Ausgabe dieses Wörterbuchs der schweizerischen Variante des Hochdeutschen ist 2006 unter dem Titel »Das Schweizer Wörterbuch« im Verlag Huber erschienen (ISBN 3-7193-1382-4). Verfasser ist Kurt Meyer. Der Vorgänger dieses Titels, das Duden-Taschenbuch 22 (ISBN 3-411-04131-5), ist nur noch antiquarisch erhältlich. Lieferbar ist jedoch das 2012 im Duden-Verlag erschienene Büchlein »Schweizerhochdeutsch — Wörterbuch der Standardsprache in der deutschen Schweiz« (ISBN 3-411-70417-9) von Sven Rauska, Hans Bickel und Christoph Landolt. WodenstagUnd für die Besucher aus alt.usage.german: Is Wodenstag a valid German word for Wednesday?
(Grimmsches Wörterbuch, 1943) Adresse dieser Seite: http://faql.de/lokalkolorit.html |
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