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Dunkel war's, der Mond schien helle

Kurzfassung in 140 Zeichen für Lesefaule: Das Gedicht stammt nicht von Morgenstern, nicht von Ringelnatz, nicht von Krüss und höchstwahrscheinlich auch nicht von Goethe oder Carroll.

Der Autor dieses im deutschsprachigen Raum sehr bekannten Unsinnsgedichts ist nicht bekannt; es wird in allen mir vorliegenden Quellen dem Volksmund zugeschrieben.

Zunächst eine kurze Chronologie der bisher bekannten Fragmente:

Zahllose Varianten und Zusätze existieren, die in Form und Stil aber meist weit von den ersten beiden Strophen entfernt sind. Die folgenden Strophen sind — heute — mehr oder minder kanonisch:

Dunkel war's, der Mond schien helle,
schneebedeckt die grüne Flur,
als ein Wagen blitzesschnelle
langsam um die Ecke fuhr.

Drinnen saßen stehend Leute,
schweigend ins Gespräch vertieft,
als ein totgeschoss'ner Hase
auf der Sandbank Schlittschuh lief.

Und auf einer grünen Bank,
die rot angestrichen war,
saß ein blondgelockter Jüngling
mit kohlrabenschwarzem Haar.

Neben ihm 'ne alte Schrulle,
zählte kaum erst sechzehn Jahr',
in der Hand 'ne Butterstulle,
die mit Schmalz bestrichen war.

Droben auf dem Apfelbaume,
der sehr süße Birnen trug,
hing des Frühlings letzte Pflaume
und an Nüssen noch genug.

Diese Fassung wurde maßgeblich von James Krüss (siehe dort) beeinflußt.


Theodor von Sosnosky: Literarische Revue (1894)

In Theodor von Sosnoskys Literarischer Revue vom September 1894, einem Beitrag zur Deutschen Revue, herausgegeben von Richard Fleischer, findet sich die älteste schriftlich überlieferte Fassung der ersten Strophe des Gedichts als Teil einer Buchbesprechung:

Finster war's, der Mond schien helle,
Schneebedeckt die grüne Flur,
Als der Zug mit Blitzesschnelle
Langsam durch die Eb'ne fuhr.


Oskar Dähnhardt: Volkstümliches (1898)

Nur vier Jahre später stellte Oskar Dähnhardt in der Sammlung Volkstümliches aus dem Königreich Sachsen, auf der Thomasschule gesammelt im Kapitel Zungenübungen und andere Sprachscherze die ältesten bekannten mehrstrophigen Fassungen zusammen (Heft 1, Seite 58, Teubner, Leipzig, 1898):

Titelbild von Oskar Dähnhardts Buch »Volkstümliches aus dem Königreich Sachsen«

Finster war's, der Mond schien helle
Auf die grünbeschneite Flur,
Als ein Wagen blitzesschnelle
Langsam um die Ecke fuhr.

Drinnen saßen stehend Leute
Schweigend ins Gespräch vertieft,
Als ein totgeschossner Hase
Schnell an ihn'n vorüberlief.

Dähnhardt fügt folgende alternative Schlußzeile eines anderen Schülers bei und läßt diesen ergänzen:

auf dem Wasser Schlittschuh lief

Und ein blondgelockter Knabe
Mit kohlrabenschwarzem Haar
Auf die grüne Bank sich setzte,
Die gelb angestrichen war.

Diese Version findet sich laut Peter Ringeisen (z-netz.literatur.allgemein, 1998-07-15) mit Verweis auf Dähnhardt auch in Das Nonsens-Buch von Peter Köhler (Reclam, Stuttgart, 1990, Seite 165).

Als weitere Variante nennt Dähnhardt:

Finster war's, der Mond schien helle,
Schnee lag auf der grünen Flur,
Als ein Wagen blitzesschnelle
Langsam um die Ecke fuhr.

Drinnen saß ein blonder Knabe
Mit kohlrabenschwarzem Haar,
Aß vergnügt 'ne Butterbemme,
Die mit Fett beschmieret war,
Nê'm Jung' saß 'ne âle Tante,
Die erst siebzehn Jahre war.


Oskar Scholz: Spinnabend (1898)

Im November desselben Jahres erschien Heft V, No. 6 der Mitteilungen der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde, herausgegeben von Friedrich Vogt und Otto Jiriczek. In Der Spinnabend zu Herzogswaldau 1898 von Oskar Scholz findet sich auf Seite 94 folgende Fassung:

Finster war's — der Mond schien helle,
Schnee lag — grün war Feld und Flur
Als ein Wagen blitzesschnelle —
Langsam um die Ecke fuhr.

In dem Wagen sassen Leute,
Stehend ins Gespräch vertieft
Und ein totgeschossner Hase
Im Galopp vorüberlief.

Bereits in Heft V, No. 5 besprach Vogt auf Seite 66 Dähnhardts obengenannte Sammlung. Er schreibt:

[…] des allgemein Bekannten und Verbreiteten ist nicht eben wenig in dem hübsch ausgestatteten Heftchen.

Wenngleich ohne besonderen Bezug auf Finster war's, so ist dies doch ein weiteres Indiz für die damals schon weite Verbreitung des Gedichts.


Otto Frömmel: Kinder-Reime (1899)

Im zweiten Heft seiner Sammlung Kinder-Reime veröffentlichte Otto Frömmel ab Seite 53 eine Abwandlung mit vorangestellter Einleitung, wie man sie in ähnlicher Form auch bei vielen anderen Kinderreimen dieser Zeit findet:

Fünf Minuten vor Erschaffung der Welt, als das Wasser der Elbe an der Ostsee brannte, zog man einen Toten lebendig heraus, der war stumm und sprach:

Finster war's, der Mond schien helle,
Schnee lag auf der grünen Flur,
Als die Post mit Blitzesschnelle
Langsam um die Ecke fuhr.

Drinnen saßen stehend Leute
Schweigend ins Gespräch vertieft,
Als ein totgeschoss'ner Hase
Übern Sandberg Schlittschuh lief.

Und ein blondgelockter Jüngling
Mit kohlrabenschwarzem Haar
Saß auf einer grünen Banke,
Die rot angestrichen war;

Neben ihm 'ne alte Schachtel,
Die kaum zählte sieb'zehn Jahr',
In der Hand 'ne Butterstulle,
Die mit Schmalz bestrichen war.

Frömmel fügt zwei weitere Strophen hinzu:

Holder Engel, süßer Bengel,
Vielgeliebtes Trampeltier,
Augen hast du wie Sardellen,
Alle Ochsen gleichen dir.

Mein Herz schlägt wie ein Pferdefuß
In meine linke Wade,
Nun sei gerührt wie Apfelmus,
Und flüssig wie Pomade.

Das Buch erschien 1900, und laut Vorwort wurden die Reime in Berlin gesammelt. Das Vorwort ist auf den 26. September 1899 datiert.


Sebastian Rieger: Im Tirol drinn' (1900)

In der Sammlung Im Tirol drinn' — Neue Geschichten aus den Bergen zitiert Sebastian Rieger folgende Variante und bezeichnet sie als »bekannte Strophe«:

Finster war's, der Mond schien helle,
Grün war die beschneite Flur,
Als ein Wagen mit Blitzesschnelle
Langsam um die Ecke fuhr.

Eine Quelle ist nicht angegeben. Das Buch trägt die Jahresangabe 1900 als Erscheinungsdatum.


Ferdinand Asmus: Plapperreden (1901)

In den Blättern für Pommersche Volkskunde, herausgegeben von Otto Knoop und Alfred Haas, erschien in Jahrgang IX, Nummer 11 vom 1. August 1901 ab Seite 173 in der Rubrik Plapperreden diese Abart:

Dunkel war's, der Mond schien helle,
Schnee lag auf der grünen Flur,
Als ein Wagen blitzesschnelle
Um die grade Ecke fuhr.

Drinnen standen die Insassen,
Schweigend ins Gespräch vertieft,
Als ein totgeschoss'ner Hase
Auf dem Sandberg Schlittschuh lief.

Draußen stand ne grüne Bank,
Die gelb angestrichen war,
Drauf saß eine alte Schrulle,
Zählte kaum erst sechzehn Jahr.

Neben ihr ein blonder Jüngling
Mit kohlrabenschwarzem Haar
Reichte eine Butterstulle,
Die mit Schmalz beschmieret war.

Holder Engel, süßer Bengel,
Vielgeliebtes Trampeltier,
Augen hast du wie Sardellen,
Alle Mädchen lieben dir.

Ferdinand Asmus, Lehrer und Heimatforscher aus Zwillipp (polnisch Świelubie) im Kreis Kolberg-Körlin, verweist als Quelle auf eine »höhere Tochter aus Stolp«, die das Gedicht an seine Schule gebracht haben soll. Stolp (polnisch Słupsk) liegt ebenfalls in Pommern.

Die Fassungen von Frömmel und Asmus belegen, daß auch viele der weiteren Strophen, die kaum noch ins Urschema passen, bereits sehr früh entstanden sind.


Christian Morgenstern: Palmström

Oft wird behauptet, Christian Morgenstern (1871–1914) habe dieses Gedicht verfaßt; es wird dann oft Verkehrte Welt betitelt; weiteres hierzu im Abschnitt zu James Krüss. Doch wäre es verwunderlich, wenn man sich schon zu seinen Lebzeiten nicht mehr an seine Autorenschaft erinnert hätte; siehe Oskar Dähnhardt, der den Reim bereits im März 1898 als »volkstümlich« bezeichnet und in seinem Vorwort schreibt:

Die älteste Fassung von »Dunkel war's« auf Seite 58 in Dähnhardts Buch

Alles, was dieses erste Heft bringt, beruht auf mündlicher Überlieferung. Die Schüler haben nichts aus gedruckten Quellen geschöpft.

Die Verwechslung geht möglicherweise zurück auf Morgensterns Gedicht Die unmögliche Tatsache, das ebenfalls mit einem Fahrzeug an einer Straßenecke beginnt:

Palmström, etwas schon an Jahren,
wird an einer Straßenbeuge
und von einem Kraftfahrzeuge
überfahren.

»Wie war« (spricht er, sich erhebend
und entschlossen weiterlebend)
»möglich, wie dies Unglück, ja —:
daß es überhaupt geschah?

Ist die Staatskunst anzuklagen
in bezug auf Kraftfahrwagen?
Gab die Polizeivorschrift
hier dem Fahrer freie Trift?

Oder war vielmehr verboten,
hier Lebendige zu Toten
umzuwandeln, — kurz und schlicht:
Durfte hier der Kutscher nicht —?«

Eingehüllt in feuchte Tücher,
prüft er die Gesetzesbücher
und ist alsobald im klaren:
Wagen durften dort nicht fahren!

Und er kommt zu dem Ergebnis:
»Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil«, so schließt er messerscharf,
»nicht sein kann, was nicht sein darf.«

Das Morgenstern-Gedicht Der Mond mag ebenfalls zu dieser Fehlattribuierung beigetragen haben, auch wenn es keinerlei Ähnlichkeit zu Dunkel war's aufweist.


Paul Lindau: Victor Hugo (1875)

Ein noch klarerer Beleg dafür, daß Morgenstern als Urheber ausscheidet, findet sich bei Paul Lindau. In seinem Aufsatz Victor Hugo und seine letzten Werke kritisiert Lindau die »Reimschmiederei« und inneren Widersprüche in Hugos L'année terrible (Décembre, Nos morts):

In einem Gedichte aus dem Monat December braucht Hugo einen Reim auf »ouvert« und es bietet sich da ganz von selbst »vert.« Er bettet also — im strengen grausig kalten December 1870 — die Leichname auf eine grüne Wiese; das vergisst er natürlich sofort wieder; drei Verse darauf berichtet er, dass der Schnee sie in sein weisses Leichentuch hüllt — dieselben, die eben auf der grünen Wiese lagen:

Leur corps farouches, froids, épars sur le pré vert

und

La neige les modèle avec son linceul blanc.

»Stockfinster war's. Der Mond schien helle.«

Zitiert nach Gesammelte Aufsätze. Beiträge zur Literaturgeschichte der Gegenwart aus dem Jahre 1875. (Das »Leur« steht wirklich so da; bei Hugo steht natürlich »Leurs«.)

Morgenstern war damals vier Jahre alt, Joachim Ringelnatz, der ebenfalls gelegentlich als Autor von Dunkel war's genannt wird, nicht einmal geboren (eigentlich Hans Gustav Bötticher, 1883–1934).

Etwas später verwendet Lindau in seiner Kritik an der Bühnenaufführung der »Penthesilea« von Heinrich von Kleist die Zeile »Stockdunkel war's, der Mond schien helle.«, um Widersprüche gleichermaßen durch den Kakao zu ziehen. (Ursprünglich erschienen in Lindaus Wochenschrift Die Gegenwart, Band IX, Nr. 19 vom 6. Mai 1876. Der Aufsatz wurde nachgedruckt in Dramaturgische Blätter, zweiter Band, 1879.)

Ältere Quellen sind mir bisher nicht begegnet; somit verliert sich der Ursprung im — gewiß mondbeschienenen — Dunkel der Geschichte. Für weiterführende Hinweise bin ich aber dankbar.

Eine weitere — nicht ganz so frühe — Erwähnung des Reims findet sich 1903 in einer Buchkritik von F. Pradel in der Zeitschrift für das Gymnasialwesen (LVII. Jahrgang, Seite 717):

Gelegentlich kommen dem Volke solche Katachresen wohl zum Bewußtsein; vgl. S. 136. Auf Seite 138 werden »verschiedene scherzhafte Satzreihen … aus Katachresen« erwähnt. Man kann aus Deutschland anführen: Finster war's, der Mond schien helle, als ein Wagen blitzesschnelle langsam um die Ecke fuhr u. s. w.

Richard M. Meyer zitiert in seiner im Jahre 1905 erschienenen Sammlung Gestalten und Probleme im Aufsatz Die Grenzen des Irrtums auf Seite 310 folgendes Fragment:

Dunkel war's, der Mond schien helle,
Schnee lag auf der grünen Flur,
als ein Reiter blitzesschnelle
langsam durch die Straßen fuhr.


Gertrud Züricher: Kinderlied und Kinderspiel im Kanton Bern (1902)

Drei Fassungen aus Bern finden sich unter den Nummern 440 bis 442 auf Seite 58 in Kinderlied und Kinderspiel im Kanton Bern aus dem Jahr 1902. Herausgeberin Gertrud Züricher will sie nach mündlicher Überlieferung gesammelt haben:

Dunkel war's, der Mond schien helle,
Als ein Wagen mit Blitzesschnelle
Langsam um die Ecke fuhr;

Drinnen sass ein stehend Männchen,
Stumm in ein Gespräch vertieft,
Während draussen auf den Eise
Ein toter Hase Schlittschuh lief;

Und ein blondgelockter Jüngling
Mit kohlrabenschwarzem Haar
Lehnte sich an eine grüne Bank,
Die rot angestrichen war.

Dunkel war's, der Mond schien helle,
Eis lag auf der grünen Flur,
Als ein Wagen mit Blitzesschnelle
Langsam um die Ecke fuhr.

Darin sass ein blonder Jüngling,
Dessen rabenschwarzes Haar,
Von der Fülle seiner Jahre
Schon ganz weiss geworden war.

Finster war's, der Mond schien helle
Auf der grünen, schneebedeckten Flur,
Als ein Wagen mit Blitzesschnelle,
Langsam um die Ecke fuhr.

Drinnen sass eine alte Schachtel,
Zählte kaum noch zwanzig Jahr,
Neben ihr ein blonder Jüngling,
Blondgelockt sein schwarzes Haar.

Und der blondgelockte Jüngling
Mit dem rabenschwarzen Haar
Sass auf einer blauen Kiste,
Die schwarz angestrichen war.

Draussen standen viele Leute,
Schweigend ins Gespräch vertieft,
Als ein totgeschossner Hase
Rasend durch die Felder lief.

Neben schweren Schäden am Versmaß erkennt man, daß viele der Widersprüche, die sich in älteren Fassungen finden, fehlen.

Interessantes Detail am Rande ist, daß unter der vorangehenden Nummer 439 ein nicht mit Dunkel war's in Verbindung stehender Reim namens Verkehrte Welt aufgeführt wird. Weiteres hierzu bei James Krüss.


Johann Wolfgang Goethe: Götz von Berlichingen (1833)

Sogar Johann Wolfgang Goethe muß oftmals als angeblicher Verfasser dieses Unsinnsreims herhalten, und vielleicht steckt sogar ein Körnchen Wahrheit darin. In der Bühnenbearbeitung seines Götz von Berlichingen läßt er Adelheid von Walldorf sagen (fünfter Aufzug, dreizehnter Auftritt):

Dunkel ist's nicht draußen. Der Mond scheint helle.

Vielleicht inspirierte dies einen seiner Zuschauer oder Leser zu einer Parodie — oder aber Goethe selbst griff so das womöglich schon zu seiner Zeit bekannte Gedicht auf.

(Bühnen-Götz zitiert aus: Goethe's Werke. Zwey und vierzigster Band. Stuttgart und Tübingen, in der J. F. Cotta'schen Buchhandlung. Erschienen 1833, Seite 431.)


Lewis Carroll: Jabberwocky

Auch der englische Mathematiker und Autor Lewis Carroll (1832–1898, mit bürgerlichem Namen Charles Lutwidge Dodgson, bekannt durch sein Werk Alice's Adventures in Wonderland, dt. Alice im Wunderland) wird gelegentlich als Verfasser genannt. Sein Gedicht Jabberwocky aus Through the Looking-Glass (1871; die Urfassung der ersten Strophe von Jabberwocky stammt aus dem Jahr 1855) lebt allerdings nicht von absurden Gegensätzen, sondern von erfundenen Wörtern durch Nachahmung von Sprachstrukturen; hier dessen Anfang:

'Twas brillig, and the slithy toves
Did gyre and gimble in the wabe:
All mimsy were the borogoves,
And the mome raths outgrabe.


Christian Enzensberger: Der Zipferlake

Die deutsche Jabberwocky-Übersetzung Der Zipferlake von Christian Enzensberger in Alice hinter den Spiegeln (Insel-Verlag, 1963) weist jedoch eine entfernte Ähnlichkeit mit Dunkel war's auf, die Auslöser dieser unterstellten Urheberschaft gewesen sein könnte; auch hier die erste Strophe:

Verdaustig wars, und glasse Wieben
Rotterten gorkicht im Gemank;
Gar elump war der Pluckerwank,
Und die gabben Schweisel frieben.


James Krüss: Die Hirtenflöte (1965)

In die Hirtenflöte (erschienen 1965 im Biederstein-Verlag, München), eine Auswahl europäischer Volkslieder, nahm James Krüss folgende Fassung auf (Seite 336):

Dunkel wars, der Mond schien helle,
schneebedeckt die grüne Flur,
als ein Wagen blitzesschnelle
langsam um die Ecke fuhr.

Drinnen saßen stehend Leute,
schweigend ins Gespräch vertieft,
als ein totgeschossner Hase
auf der Wiese Schlittschuh lief.

Und auf einer roten Banke,
die blau angestrichen war,
saß ein blondgelockter Jüngling
mit kohlrabenschwarzem Haar.

Neben ihm die alte Schachtel,
zählte kaum erst sechzehn Jahr,
und sie aß 'ne Butterbemme,
die mit Schmalz bestrichen war.

Droben auf dem Apfelbaume,
der sehr süße Birnen trug,
hing des Frühlings letzte Pflaume
und an Nüssen noch genug.

Dem entspricht weitgehend die von mir oben so genannte »kanonische« Version, die ich — ohne damals die Hirtenflöte gekannt zu haben — 1998 aus diversen Quellen für die Usenet-FAQL destilliert habe. Hauptunterschied zu Krüss ist der zusätzliche Reim SchrulleStulle, womit die Strophe dem Urschema A-B-A-B (helle–Flur–schnelle–fuhr) näherkommt. In neueren Varianten mutiert außerdem der Wagen oft zum Auto: als ein Auto blitzesschnelle. Bei mangelndem Gefühl für Versmaß wird aus der Ecke oftmals eine runde Ecke: langsam um die runde Ecke fuhr.

Quellen nennt Krüss leider keine.

Für den Einfluß der Krüss-Fassung spricht auch, daß das Gedicht heute oft Verkehrte Welt genannt wird (und unter diesem Titel dann zumeist Christian Morgenstern zugeschrieben): Denn genau dieser Titel findet sich auf besagter Seite 336 der Hirtenflöte. Er bezieht sich jedoch auf den dort beginnenden Abschnitt des Kapitels Ulklieder, nicht auf das Gedicht selbst. Dieses wird nur mit seiner ersten Zeile betitelt.

Heinrich Heine nannte eines seiner Gedichte Verkehrte Welt. Es erschien 1844 im Pariser Wochenblatt Vorwärts und ist in der Heine-Sammlung Neue Gedichte desselben Jahres enthalten. Mit Dunkel war's hat es jedoch nichts zu tun.


Klaus Peter Dencker: Deutsche Unsinnspoesie (1978)

Eine im begleitenden theoretischen Teil des Buches eher trocken geratene Zusammenstellung von Klaus Peter Dencker enthält folgende Fassung (Reclam, Stuttgart, 1978):

Dunkel war's, der Mond schien helle,
Schnee lag auf der grünen Flur,
Als ein Wagen blitzesschnelle
Langsam um die Ecke fuhr.

Drinnen saßen stehend Leute,
Schweigend ins Gespräch vertieft,
Als ein totgeschoss'ner Hase
Auf der Sandbank Schlittschuh' lief.

Drinnen saß ein holder Jüngling,
Schwarzgelockt mit blondem Haar,
Neben ihm 'ne alte Schachtel,
Zählte kaum ein halbes Jahr,
In der Hand 'nen Butterwecke,
Der mit Schmalz bestrichen war.

Diesmal sitzt der Jüngling im Wagen, wie schon in Dähnhardts dritter Variante, die gleichfalls einen abschließenden Sechszeiler aufweist.

Weitere Varianten finden sich laut Dencker in Dunkel war's, der Mond schien helle von Horst Kunze (München, 1941) sowie in Schnick Schnack Schabernack von Viktor Christen (Hamburg, 1973).


Hans Adolf Halbey: Schmurgelstein (1988)

Als vorletzte Abwandlung möchte ich die von Hans Adolf Halbey aus seinem Buch Schmurgelstein so herzbetrunken beisteuern (Seite 140, Carl-Hanser-Verlag, München, Wien, 1988):

Dunkel wars, der Mond schien helle,
Schnee lag auf der grünen Flur,
als ein Wagen blitzesschnelle
langsam um die Ecke fuhr.

Drinnen saßen stehend Leute,
schweigend ins Gespräch vertieft,
als ein totgeschoßner Hase
auf der Sandbank Schlittschuh lief.

Und ein blondgelockter Jüngling
mit kohlrabenschwarzem Haar
saß auf einer blauen Kiste,
die rot angestrichen war.

Neben ihm ne alte Schrulle
ungefähr von siebzehn Jahr,
in der Hand ne Butterstulle,
die mit Schmalz bestrichen war.

Es fällt insbesondere auf, daß der Jüngling auf einer Kiste sitzt, die besser ins Versmaß paßt als die gängigere Bank (daher wohl in vielen Varianten auch die eher dialektale Banke). Auch fehlen jegliche Apostrophe.

Als Quelle seiner ersten drei Strophen nennt Halbey das Buch Allerleirauh — Viele schöne Kinderreime, eine Sammlung aus dem Jahre 1977 von Hans Magnus Enzensberger, älterer Bruder des obigen Jabberwocky-Übersetzers.

Als diese Sammlung Enzensbergers 1961 erstmals erschien, datierte der Spiegel in seiner Besprechung das Gedicht noch deutlich jünger, als heute bekannt ist (Heft 51 vom 1961-12-13, Seite 91):

Neben uralten Versen von der Art »Schneck, Schneck, komm heraus« finden sich auch Juxgedichte des zwanzigsten Jahrhunderts, wie die verkehrte Geschichte: »Dunkel wars, der Mond schien helle, Schnee lag auf der grünen Flur, als ein Wagen blitzesschnelle langsam um die Ecke fuhr.«

Auch läßt die zeitliche Nähe zur 1963 erschienenen Jabberwocky-Übersetzung seines Bruders einen Einfluß von »Dunkel wars« auf »Verdaustig wars« möglich erscheinen.


Volker Gringmuth: de.etc.sprache.deutsch (2005)

Volker Gringmuths Umarbeitung, mit Vorschlägen der Teilnehmer des Usenet-Forums de.etc.sprache.deutsch vom November 2005, ist zwar nicht klassisch in dem Sinne, daß in ihr versucht wurde, möglichst alte Fragmente möglichst unverfälscht zusammenzuführen. Durch sein Bemühen, ursprüngliches Reimschema, Versmaß und Widersinn einzuhalten, dürfte sie jedoch in vieler Hinsicht der ersten Urstrophe näherkommen als die meisten anderen Neuschöpfungen.


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