Theodor von Sosnosky · Oskar Dähnhardt · Oskar Scholz · Otto Frömmel · Sebastian Rieger · Ferdinand Asmus · Christian Morgenstern · Paul Lindau · Gertrud Züricher · Johann Wolfgang Goethe · Lewis Carroll · Christian Enzensberger · James Krüss · Klaus Peter Dencker · Hans Adolf Halbey · Volker Gringmuth Vorab: Wenn Euch diese Seite so sehr gefällt, daß Ihr andere daran teilhaben lassen wollt, dann setzt doch bitte ganz einfach einen Link. Die Adresse ist <http://faql.de/dunkel-wars.html>. Anders als beim hirnlosen Kopieren profitieren Eure Leser so auch automatisch von Ergänzungen und Korrekturen. (Und gerade wenn einem die Primärquelle nicht selbst vorliegt, sollte man die Sekundärquelle nennen, laut der man zitiert — alleine schon, um sich deren etwaige Fehler nicht zueigen zu machen. An dieser Stelle ein besonderer Gruß an die Wikipädianer.) Dunkel war's, der Mond schien helleKurzfassung in 140 Zeichen für Lesefaule: Das Gedicht stammt nicht von Morgenstern, nicht von Ringelnatz, nicht von Krüss und höchstwahrscheinlich auch nicht von Goethe oder Carroll. Der Autor dieses im deutschsprachigen Raum sehr bekannten Unsinnsgedichts ist nicht bekannt; es wird in allen mir vorliegenden Quellen dem Volksmund zugeschrieben. Zunächst eine kurze Chronologie der bisher bekannten Fragmente:
Zahllose Varianten und Zusätze existieren, die in Form und Stil aber meist weit von den ersten beiden Strophen entfernt sind. Die folgenden Strophen sind — heute — mehr oder minder kanonisch:
Diese Fassung wurde maßgeblich von James Krüss (siehe dort) beeinflußt. Theodor von Sosnosky: Literarische Revue (1894)In Theodor von Sosnoskys Literarischer Revue vom September 1894, einem Beitrag zur Deutschen Revue, herausgegeben von Richard Fleischer, findet sich die älteste schriftlich überlieferte Fassung der ersten Strophe des Gedichts als Teil einer Buchbesprechung:
Oskar Dähnhardt: Volkstümliches (1898)Nur vier Jahre später stellte Oskar Dähnhardt in der Sammlung Volkstümliches aus dem Königreich Sachsen, auf der Thomasschule gesammelt im Kapitel Zungenübungen und andere Sprachscherze die ältesten bekannten mehrstrophigen Fassungen zusammen (Heft 1, Seite 58, Teubner, Leipzig, 1898):
Dähnhardt fügt folgende alternative Schlußzeile eines anderen Schülers bei und läßt diesen ergänzen:
Diese Version findet sich laut Peter Ringeisen (z-netz.literatur.allgemein, 1998-07-15) mit Verweis auf Dähnhardt auch in Das Nonsens-Buch von Peter Köhler (Reclam, Stuttgart, 1990, Seite 165). Als weitere Variante nennt Dähnhardt:
Oskar Scholz: Spinnabend (1898)Im November desselben Jahres erschien Heft V, No. 6 der Mitteilungen der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde, herausgegeben von Friedrich Vogt und Otto Jiriczek. In Der Spinnabend zu Herzogswaldau 1898 von Oskar Scholz findet sich auf Seite 94 folgende Fassung:
Bereits in Heft V, No. 5 besprach Vogt auf Seite 66 Dähnhardts obengenannte Sammlung. Er schreibt:
Wenngleich ohne besonderen Bezug auf Finster war's, so ist dies doch ein weiteres Indiz für die damals schon weite Verbreitung des Gedichts. Otto Frömmel: Kinder-Reime (1899)Im zweiten Heft seiner Sammlung Kinder-Reime veröffentlichte Otto Frömmel ab Seite 53 eine Abwandlung mit vorangestellter Einleitung, wie man sie in ähnlicher Form auch bei vielen anderen Kinderreimen dieser Zeit findet:
Frömmel fügt zwei weitere Strophen hinzu:
Das Buch erschien 1900, und laut Vorwort wurden die Reime in Berlin gesammelt. Das Vorwort ist auf den 26. September 1899 datiert. Sebastian Rieger: Im Tirol drinn' (1900)In der Sammlung Im Tirol drinn' — Neue Geschichten aus den Bergen zitiert Sebastian Rieger folgende Variante und bezeichnet sie als »bekannte Strophe«:
Eine Quelle ist nicht angegeben. Das Buch trägt die Jahresangabe 1900 als Erscheinungsdatum. Ferdinand Asmus: Plapperreden (1901)In den Blättern für Pommersche Volkskunde, herausgegeben von Otto Knoop und Alfred Haas, erschien in Jahrgang IX, Nummer 11 vom 1. August 1901 ab Seite 173 in der Rubrik Plapperreden diese Abart:
Ferdinand Asmus, Lehrer und Heimatforscher aus Zwillipp (polnisch Świelubie) im Kreis Kolberg-Körlin, verweist als Quelle auf eine »höhere Tochter aus Stolp«, die das Gedicht an seine Schule gebracht haben soll. Stolp (polnisch Słupsk) liegt ebenfalls in Pommern. Die Fassungen von Frömmel und Asmus belegen, daß auch viele der weiteren Strophen, die kaum noch ins Urschema passen, bereits sehr früh entstanden sind. Christian Morgenstern: PalmströmOft wird behauptet, Christian Morgenstern (1871–1914) habe dieses Gedicht verfaßt; es wird dann oft Verkehrte Welt betitelt; weiteres hierzu im Abschnitt zu James Krüss. Doch wäre es verwunderlich, wenn man sich schon zu seinen Lebzeiten nicht mehr an seine Autorenschaft erinnert hätte; siehe Oskar Dähnhardt, der den Reim bereits im März 1898 als »volkstümlich« bezeichnet und in seinem Vorwort schreibt:
Die Verwechslung geht möglicherweise zurück auf Morgensterns Gedicht Die unmögliche Tatsache, das ebenfalls mit einem Fahrzeug an einer Straßenecke beginnt:
Das Morgenstern-Gedicht Der Mond mag ebenfalls zu dieser Fehlattribuierung beigetragen haben, auch wenn es keinerlei Ähnlichkeit zu Dunkel war's aufweist. Paul Lindau: Victor Hugo (1875)Ein noch klarerer Beleg dafür, daß Morgenstern als Urheber ausscheidet, findet sich bei Paul Lindau. In seinem Aufsatz Victor Hugo und seine letzten Werke kritisiert Lindau die »Reimschmiederei« und inneren Widersprüche in Hugos L'année terrible (Décembre, Nos morts):
Zitiert nach Gesammelte Aufsätze. Beiträge zur Literaturgeschichte der Gegenwart aus dem Jahre 1875. (Das »Leur« steht wirklich so da; bei Hugo steht natürlich »Leurs«.) Morgenstern war damals vier Jahre alt, Joachim Ringelnatz, der ebenfalls gelegentlich als Autor von Dunkel war's genannt wird, nicht einmal geboren (eigentlich Hans Gustav Bötticher, 1883–1934). Etwas später verwendet Lindau in seiner Kritik an der Bühnenaufführung der »Penthesilea« von Heinrich von Kleist die Zeile »Stockdunkel war's, der Mond schien helle.«, um Widersprüche gleichermaßen durch den Kakao zu ziehen. (Ursprünglich erschienen in Lindaus Wochenschrift Die Gegenwart, Band IX, Nr. 19 vom 6. Mai 1876. Der Aufsatz wurde nachgedruckt in Dramaturgische Blätter, zweiter Band, 1879.) Ältere Quellen sind mir bisher nicht begegnet; somit verliert sich der Ursprung im — gewiß mondbeschienenen — Dunkel der Geschichte. Für weiterführende Hinweise bin ich aber dankbar. Eine weitere — nicht ganz so frühe — Erwähnung des Reims findet sich 1903 in einer Buchkritik von F. Pradel in der Zeitschrift für das Gymnasialwesen (LVII. Jahrgang, Seite 717):
Richard M. Meyer zitiert in seiner im Jahre 1905 erschienenen Sammlung Gestalten und Probleme im Aufsatz Die Grenzen des Irrtums auf Seite 310 folgendes Fragment:
Gertrud Züricher: Kinderlied und Kinderspiel im Kanton Bern (1902)Drei Fassungen aus Bern finden sich unter den Nummern 440 bis 442 auf Seite 58 in Kinderlied und Kinderspiel im Kanton Bern aus dem Jahr 1902. Herausgeberin Gertrud Züricher will sie nach mündlicher Überlieferung gesammelt haben:
Neben schweren Schäden am Versmaß erkennt man, daß viele der Widersprüche, die sich in älteren Fassungen finden, fehlen. Interessantes Detail am Rande ist, daß unter der vorangehenden Nummer 439 ein nicht mit Dunkel war's in Verbindung stehender Reim namens Verkehrte Welt aufgeführt wird. Weiteres hierzu bei James Krüss. Johann Wolfgang Goethe: Götz von Berlichingen (1833)Sogar Johann Wolfgang Goethe muß oftmals als angeblicher Verfasser dieses Unsinnsreims herhalten, und vielleicht steckt sogar ein Körnchen Wahrheit darin. In der Bühnenbearbeitung seines Götz von Berlichingen läßt er Adelheid von Walldorf sagen (fünfter Aufzug, dreizehnter Auftritt):
Vielleicht inspirierte dies einen seiner Zuschauer oder Leser zu einer Parodie — oder aber Goethe selbst griff so das womöglich schon zu seiner Zeit bekannte Gedicht auf. (Bühnen-Götz zitiert aus: Goethe's Werke. Zwey und vierzigster Band. Stuttgart und Tübingen, in der J. F. Cotta'schen Buchhandlung. Erschienen 1833, Seite 431.) Lewis Carroll: JabberwockyAuch der englische Mathematiker und Autor Lewis Carroll (1832–1898, mit bürgerlichem Namen Charles Lutwidge Dodgson, bekannt durch sein Werk Alice's Adventures in Wonderland, dt. Alice im Wunderland) wird gelegentlich als Verfasser genannt. Sein Gedicht Jabberwocky aus Through the Looking-Glass (1871; die Urfassung der ersten Strophe von Jabberwocky stammt aus dem Jahr 1855) lebt allerdings nicht von absurden Gegensätzen, sondern von erfundenen Wörtern durch Nachahmung von Sprachstrukturen; hier dessen Anfang:
Christian Enzensberger: Der ZipferlakeDie deutsche Jabberwocky-Übersetzung Der Zipferlake von Christian Enzensberger in Alice hinter den Spiegeln (Insel-Verlag, 1963) weist jedoch eine entfernte Ähnlichkeit mit Dunkel war's auf, die Auslöser dieser unterstellten Urheberschaft gewesen sein könnte; auch hier die erste Strophe:
James Krüss: Die Hirtenflöte (1965)In die Hirtenflöte (erschienen 1965 im Biederstein-Verlag, München), eine Auswahl europäischer Volkslieder, nahm James Krüss folgende Fassung auf (Seite 336):
Dem entspricht weitgehend die von mir oben so genannte »kanonische« Version, die ich — ohne damals die Hirtenflöte gekannt zu haben — 1998 aus diversen Quellen für die Usenet-FAQL destilliert habe. Hauptunterschied zu Krüss ist der zusätzliche Reim Schrulle–Stulle, womit die Strophe dem Urschema A-B-A-B (helle–Flur–schnelle–fuhr) näherkommt. In neueren Varianten mutiert außerdem der Wagen oft zum Auto: als ein Auto blitzesschnelle. Bei mangelndem Gefühl für Versmaß wird aus der Ecke oftmals eine runde Ecke: langsam um die runde Ecke fuhr. Quellen nennt Krüss leider keine. Für den Einfluß der Krüss-Fassung spricht auch, daß das Gedicht heute oft Verkehrte Welt genannt wird (und unter diesem Titel dann zumeist Christian Morgenstern zugeschrieben): Denn genau dieser Titel findet sich auf besagter Seite 336 der Hirtenflöte. Er bezieht sich jedoch auf den dort beginnenden Abschnitt des Kapitels Ulklieder, nicht auf das Gedicht selbst. Dieses wird nur mit seiner ersten Zeile betitelt. Heinrich Heine nannte eines seiner Gedichte Verkehrte Welt. Es erschien 1844 im Pariser Wochenblatt Vorwärts und ist in der Heine-Sammlung Neue Gedichte desselben Jahres enthalten. Mit Dunkel war's hat es jedoch nichts zu tun. Klaus Peter Dencker: Deutsche Unsinnspoesie (1978)Eine im begleitenden theoretischen Teil des Buches eher trocken geratene Zusammenstellung von Klaus Peter Dencker enthält folgende Fassung (Reclam, Stuttgart, 1978):
Diesmal sitzt der Jüngling im Wagen, wie schon in Dähnhardts dritter Variante, die gleichfalls einen abschließenden Sechszeiler aufweist. Weitere Varianten finden sich laut Dencker in Dunkel war's, der Mond schien helle von Horst Kunze (München, 1941) sowie in Schnick Schnack Schabernack von Viktor Christen (Hamburg, 1973). Hans Adolf Halbey: Schmurgelstein (1988)Als vorletzte Abwandlung möchte ich die von Hans Adolf Halbey aus seinem Buch Schmurgelstein so herzbetrunken beisteuern (Seite 140, Carl-Hanser-Verlag, München, Wien, 1988):
Es fällt insbesondere auf, daß der Jüngling auf einer Kiste sitzt, die besser ins Versmaß paßt als die gängigere Bank (daher wohl in vielen Varianten auch die eher dialektale Banke). Auch fehlen jegliche Apostrophe. Als Quelle seiner ersten drei Strophen nennt Halbey das Buch Allerleirauh — Viele schöne Kinderreime, eine Sammlung aus dem Jahre 1977 von Hans Magnus Enzensberger, älterer Bruder des obigen Jabberwocky-Übersetzers. Als diese Sammlung Enzensbergers 1961 erstmals erschien, datierte der Spiegel in seiner Besprechung das Gedicht noch deutlich jünger, als heute bekannt ist (Heft 51 vom 1961-12-13, Seite 91):
Auch läßt die zeitliche Nähe zur 1963 erschienenen Jabberwocky-Übersetzung seines Bruders einen Einfluß von »Dunkel wars« auf »Verdaustig wars« möglich erscheinen. Volker Gringmuth: de.etc.sprache.deutsch (2005)Volker Gringmuths Umarbeitung, mit Vorschlägen der Teilnehmer des Usenet-Forums de.etc.sprache.deutsch vom November 2005, ist zwar nicht klassisch in dem Sinne, daß in ihr versucht wurde, möglichst alte Fragmente möglichst unverfälscht zusammenzuführen. Durch sein Bemühen, ursprüngliches Reimschema, Versmaß und Widersinn einzuhalten, dürfte sie jedoch in vieler Hinsicht der ersten Urstrophe näherkommen als die meisten anderen Neuschöpfungen. Adresse dieser Seite: http://faql.de/dunkel-wars.html | |
Copyright © 2012 Ralph Babel |